Eine soziologische Betrachtung: Warum kleiden wir uns wie? Teil 2

Wer kennt folgende Situation nicht: Man steht vor dem Kleiderschrank und überlegt, was man heute wieder anziehen soll. Ich werde von meinen Leserinnen zwar oft gefragt, was sie zu welchem Anlass tragen sollen, was angemessen für diese oder jene Gelegenheit ist bzw. was überhaupt Stil ausmacht. Ich möchte mich daher den soziologischen Fragestellungen „Warum tragen wir überhaupt bestimmte Sachen und andere nicht?“ und „Warum kleiden wir uns wie?“ widmen. Den ersten Teil findet ihr hier.

Um seinen eigenen Stil zu haben, muss man nicht unbedingt mit der Mode gehen. Man kommuniziert mit seiner Kleidung; seiner Hülle, die einem ein Image verleiht, egal, ob man den neuesten Trends entsprechend, klassisch oder (un)bewusst unmodern gekleidet ist. Wesentlich sind auch die Marken bzw. Designer, die alle einen bestimmten Stil repräsentieren.

Es ist nicht möglich, mit seiner Kleidung kein Statement zu setzen. Auch hier gelten die Worte des berühmten österreichischen Soziologen und Kommunikationswissenschaftlers, Paul Watzlawick: „Man kann nicht nicht kommunizieren“.

Countess Claire -_

Schon die Wahl der Kinderkleidung sagt etwas aus.

Wir vermitteln daher mit der Wahl unserer Kleidung nicht nur die Botschaft, welcher Gesellschaftsschicht wir angehören – oder angehören wollen, sondern auch, welchen Lifestyle wir pflegen und wie wir uns voneinander abgrenzen. Besonders Jugendliche zeigen durch ihre Outfits ihre Orientierung. Anhänger der Gothic-Kultur sind auf den ersten Blick zu erkennen und heben sich sehr stark von einer klassischen Stilrichtung wie dem Prep ab.

Aber es gibt auch Modeverweigerer: Der eine Typus kleidet sich rein funktionell und hat kein Interesse an seiner Wirkung nach außen, er handelt unbewusst. Der andere entscheidet sich willentlich gegen jede Art von Trends und setzt dadurch das Statement: Ich stehe über den Dingen und interessiere mich nicht für oberflächliche Themen wie Mode und Stil. In beiden Fällen ist die Kommunikation nach außen klar.

Manchmal ist individuelle Kleidung innerhalb einer Zweckgemeinschaft unerwünscht. Mitarbeiter einer Firma sind oftmals dazu verpflichtet, während ihrer Berufsausübung eine besondere Uniform zu tragen. Sie werden somit optisch zum Kommunikator im Sinne der Firma. In Schulen trägt die Schuluniform dazu bei bzw. versucht, Klassenunterschiede zu egalisieren und soziale Konflikte zu vermeiden. Der Nachteil dabei ist aber, dass die Schüler in ihrer uniformen Kleidung deutlich als Privatschüler erkennbar sind und sich somit stark von Jugendlichen, die eine öffentliche Schule besuchen, abheben. Angehörige von Militärs können aufgrund ihrer Uniform klar einem Land und einer spezialisierten Einheit zugeordnet werden. Auch die Tracht trägt zur sozialen Kommunikation bei, sie erzählt von der Zugehörigkeit und Geschichte eines Dorfes, einer Region oder eines Landes.

Eines gilt für damals, heute und morgen: Kleider machen Leute. Zumindest auf den ersten Blick.

8 Gedanken zu „Eine soziologische Betrachtung: Warum kleiden wir uns wie? Teil 2

  1. Werte Countess! Myladies!

    Meine Gedanken zu diesem Teil ihrer Betrachtungen drehen sich um das Individuelle und die Kommunikation.

    Sich „Stilvoll kleiden“ bedeutet beim Betrachter, dass man sich modisch kleidet. Der Gedanke, dass Stil nichts mit Mode zu tun hat, kommt dabei nicht auf. Das Stillvolle fällt durch die Andersanderkeit auf. Auffallen ist negativ behaftet.

    Kleide ich mich also mit Stil (Stil wird im Betrachterhirn immer mit „modisch“ übersetzt) gelte ich als oberlfächlich. Die Angst, als oberflächlich zu gelten ist gross.
    Somit kleidet sich die Masse wie die Masse sich kleidet.
    Ich denke, dass auch vielfach der Mut zur Individualität fehlt und das Auffallen nicht opportun ist.

    Bei auffallenden Temperaturschwankungen – sehr warm, sehr kalt – scheint es leider für einen grossen Teil der Gesellschaft zunehmend schwerer zu sein, sich stilvoll zu kleiden. Ich unterstelle diesen Personen, dass sie sich keine Gedanken über ihre Wirkung und den Inhalt ihrer Kommunikation machen. Vor allem bei sehr warmen Temperaturen stelle ich einen gewissen Hang zur Schlampigkeit fest.

    Mein Fazit: Mehr Mut und mehr Nachdenken was ich kommuniziere.

    Hochachtungsvollst
    The Major

    • Lieber Major,
      Ich bin mit allem ganz ihrer Meinung. Ganz besonders fällt der Mangel an Stil natürlich wirklich bei hohen Temperaturen auf.
      Liebe Grüße,
      Claire

  2. Welch wahre Worte … Herrn Watzlawick zitiere ich gerne in Bezug auf Körpersprache, aber die Kleidung ist ebenso wichtig. Jeder hat ein Bild vor Augen, wie einr Erzieherin, Bankerin, Umweltaktivistin … aussieht.
    Liebe Grüße
    Ines

  3. Solche Schemata in Sachen Kleidung haben sich in unseren Köpfen schon so festgesetzt, dass es oft nicht einfach ist, diese zu überwinden. Als ich noch studierte, fanden es meine Kommilitonen witzig, anhand der Kleidung auf den Studiengang von vorbei eilenden Studenten zu schließen. Besonders gut zu erkennen waren dabei meist die Jurastudentinnen, die sich besonders klassisch kleideten und einen gravierenden Unterschied Sportstudenten oder Studenten der Kulturwissenschaften aufzeigten.
    Man passt sich über die Jahr unbewusst der Gruppe an, in der man verkehrt. Deshalb bewahrheiten sich Kleidungs-Klischees leider auch immer wieder.
    Viele Grüße
    Bianca

    • Liebe Bianca,
      Vielen Dank für deinen Kommentar! Eine tolle Analyse!
      Ich finde ihn sehr interessant und absolut zutreffend.
      Liebe Grüße,
      Claire

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