Der Sloane Ranger – Vertreter der britischen Upper Class

Liebe Leserinnen, es ist wieder Zeit für Wissen, ohne das man unmöglich durchs Leben kommt: heute könnte ihr daher meinen lange angekündigten Artikel über den Sloane Ranger lesen.

Der Begriff „Sloane Ranger“ wurde erstmals Anfang der Achtzigerjahre verwendet, als die Autoren Ann Barr und Peter York in ihrem „Official Sloane Ranger Handbook“ dem Stereotyp des Angehörigen der britischen Ober- bzw. oberen Mittelschicht erstmals einen Namen gaben. Zusammengesetzt aus Sloane – der noble Londoner Sloane Square zwischen den eleganten Stadtteilen Chelsea, Belgravia und Knightsbridge, und Lone Ranger – einem beliebten TV-Charakter der Fünfziger.

Was es etwas schwierig macht, den Sloane Ranger zu erklären, ist zum einen eine gewisse Widersprüchlichkeit: dieser gesellschaftliche Typus verstand sich in seinen Anfängen als der Upper bzw. Upper Middle Class angehörig, nicht unbedingt aber dem Adel. Im Gegenteil, Barr und York beschreiben den typischen Sloane Ranger als „second in command„, dem Adel meist nur vage verbunden. Ein jüngerer Sohn eines Adeligen, eine Nebenlinie, jede noch so entfernte Verbindung zum Adel rechtfertigte den Glauben an die eigene Erhabenheit. Und falls man keine Verbindung zu einer illustren Familie gefunden hatte, empfahl und empfiehlt sich noch immer eine Heirat. Das Paradoxe ist aber, dass ausgerechnet die verstorbene Prinzessin Diana vor und in den Anfangsjahren ihrer Ehe als der typische Sloane Ranger galt, obwohl sie als Tochter eines Earls dem Hochadel alles andere als nur vage verbunden war.

Sloane-Ranger

Zwei typische Sloane Ranger in typischen Outfits von Really Wild Clothing.

Zum anderen ist es nicht leicht, einigermaßen ansprechende Literatur zu finden. Die Anfangsbücher „The Official Sloane Ranger Handbook“ und „The Official Sloane Ranger Diary“  sind nett, aber weder witzig geschrieben, noch erklären sie wirklich zur Zufriedenheit den Sloane Ranger. An das amerikanische Pendant „The Official Preppy Handbook“ kommen sie bei weitem nicht heran. Der Nachfolger „Cooler/Faster/More Expensive: The Return of the Sloane Ranger“ von Peter York und Olivia Stewart-Liberty beschreibt weniger den Sloane des 21. Jahrhunderts, als vielmehr neureiche Celebrities. Man muss sich also fragen, ob sogar die klassenverliebte britische Gesellschaft mittlerweile zu sehr nivelliert ist, oder ob es doch auch heute noch Sloane Ranger gibt. Diesbezüglich verlasse ich mich auf meine eigene, bescheidene Erfahrung, und bejahe dies: in Frankreich gibt es „BCBG – Bon Chic, Bon Genre„, in den USA die Preppies, und in England die Sloane Ranger, jedes Land hat seine Entsprechung, auch wenn sie mitunter nicht immer einen Namen hat.

  • Bildung: Der typische Sloane Ranger wird nicht nur im richtigen Krankenhaus geboren (zB. im Lindo Wing des Londoner St.Mary’s Krankenhaus), besucht den richtigen Kindergarten, sondern verbringt auch seine gesamte Schullaufbahn unter seinesgleichen in den sogenannten Public Schools, wie die englischen Privatschulen genannt werden, idealerweise nicht-koedukativ und im Internat. Im Gegensatz zu den Anfangszeiten, wo weibliche Sloane Ranger die Schule meist schon vor der Matura abbrachen, eventuell ein Jahr in einer Schweizer Finishing School verbrachten, wo sie die Kunst der Konversation, des Blumenarrangierens und ähnliche wichtige Fertigkeiten erlernten, dann typische Berufe für Upper Class Mädchen ausübten (Hilfskindergärtnerin, Sekretärin, Empfangsdame in einem Auktionshaus), um möglichst bald einen geeigneten Ehemann zu finden, besucht heutzutage auch der Großteil der Mädchen die Universität. Klischeehafterweise inskribieren sie Kunstgeschichte, die Burschen entscheiden sich für die Rechtswissenschaften, und man weiß, dass Klischees meist mehr als ein Körnchen Wahrheit in sich haben. Man studiert in Oxford, Cambridge, St. Andrews, Bristol oder Newcastle.
  • Berufe: Wie oben schon erwähnt, übten Mädchen vor dreißig Jahren noch bis zu einer standesgemäßen Heirat meist Berufe wie Sekretärin oder Nanny aus, die Burschen mussten sich, auch wenn sie sich auf das Old Boy Network (ehemalige Kommilitonen der Privatschulen) verlassen konnten, im Klaren darüber sein, dass sie ihr Leben lang ihre Familie ernähren müssen und einen hohen Lebensstandard aufrechtzuerhalten verpflichtet sind.
    Klassische Berufsfelder für Männer sind die City, die Army oder die Navy. Möglicherweise hat man auch eine Militärakademie wie Sandhurst besucht. Davon abgesehen ist jeder Beruf, von dem man Vertreter auf einem alten Gemälde finden könnte, akzeptabel: Jurist, Weinhändler, Gutsbesitzer. Im Gegensatz zum Preppy studiert der Sloane Ranger auch oft Medizin. Frauen werden heutzutage gern Galeristinnen, Dekorateurinnen oder Interior Designer.
  • Herkunft/Lifestyle: Die Widersprüchlichkeit bezüglich der Herkunft habe ich eingangs schon behandelt.
    Grundvoraussetzung ist aber ein wohlhabendes Elternhaus, andernfalls könnte man mit dem elitären Lifestyle gar nicht mithalten. Ein aus Stein, oder schlechter: aus rotem Backstein, erbauter Landsitz, je älter, desto besser, dient als Basis. Hier verbringt man Wochenenden mit Familie und Freunden, geht zur Jagd oder zu Blumenschauen. Dazu kommt noch die exklusive Wohnung oder ein nobles Stadthaus in einem der besseren Stadtteile Londons. Kensington, Mayfair, Chelsea, Belgravia sind noch immer hoch im Kurs, auch wenn sich immer mehr neureiche Russen (Zit. Peter York) hierher verirren. Ein Sloane Ranger würde niemals im Norden Londons leben.
    Der Sloane Ranger liebt das Landleben, seine Hunde (am besten Labradore), die Jagd und alles, was mit Tradition zu tun hat. Ereilt ihn ein Schicksalsschlag und sieht er keinen anderen Ausweg mehr als Selbstmord, erschießt er zuerst seinen Freund fürs Leben, den Hund, dann sich selbst.
  • Sport: Auch für den Sloane Ranger ist der Sport ganz essentiell: Er rudert, fährt Schi, segelt, spielt Tennis und liebt die Country Sports: Hunting (Fuchsjagd), Shooting (Fasan- und Moorhuhnjad) und Fishing (Fliegenfischen). Er besucht gern Pferderennen und Poloturniere.
  • Urlaube: Man fährt in den Schweizer Alpen (Verbier, Klosters) Schi und verbringt viel Zeit auf Ibiza, an der Côte d’Azur, den Seychellen und Karibikinseln wie Mustique. Gern ist man auch in Indien oder Thailand.
  • Party/Club: Der Sloane Ranger fühlt sich am wohlsten unter seinesgleichen: Londoner Nachtclubs wie Mahiki oder Boujis sind bei den jüngeren so beliebt wie bei den älteren die Gentleman’s Clubs. Diesen alterwühridgen Clubs kann man nicht einfach beitreten, sondern man wartet, bis der Club einen auf Vorschlag von zwei Mitgliedern um einen Beitritt fragt. Der älteste ist der White’s Club, ebenso beliebt sind das Athenaeum, Annabel’s, Brook’s oder der Cavalry Club.
  • Kleidung: Konservativ ist man auch in der Wahl seiner Kleidung: Barbourjacken, Kaschmir-Twinsets, viel Tweed und Cord, Faltenröcke, Schottenröcke, Zopfpullover, Segelschuhe sind heute noch so beliebt wie in den Achtzigerjahren.
    Typische Sloane Ranger-Ausstatter sind Barbour, Jack Wills, Really Wild Clothing, Emilia Wickstead, Alice Temperly, Burberry, Matthew Williamson oder Alexander McQueen.
    Für alle diejenigen, die noch mehr am Kleidungsstil des Sloane Ranger interessiert sind, werde ich hier bald die „Styling-Regeln für den Sloane Ranger“ veröffentlichen.
  • Vokabular: Der Sloane Ranger spricht „U„, dh. Upper Class English, im Gegensatz zu „Non-U„, der Sprache der britischen Arbeiter- bzw. Mittelschicht. Unterschiede sind beispielsweise U: lavatory/Non-U: toilet, U: breakfast, luncheon, dinner/ Non-U: meal, U: scent/Non-U: perfume.
  • Namen: Man ist zwar moderner geworden, dennoch heißen viele Sloane Ranger Babies Caroline, Elizabeth, Arabella, Louisa, Henry, Rupert, George, Alexander. Ein No-Go sind Namen wie Marilyn, Tyler, Stacey, Courtney, Dylan, Wayne oder Gary. Man wählt traditionelle Namen, niemals aber Vornamen aus der Unterschicht oder von Filmstars (was für Sloane Ranger nahezu gleichbedeutend ist).

Ikonen des Sloane Ranger Styles sind neben Prinzessin Diana Daphne Guinness, Jemima Khan, Tara Palmer-Tomkinson, Tamara Mellon, Zac Goldsmith, Rupert Everett und James Hewitt.

Wer sich für das nordamerikanische Pendant des Sloane Ranger interessiert, dem empfehle ich meinen Artikel „Preppy Style – Der traditionelle Ostküsten-Lifestyle„. Hier findet ihr die „Styling-Regeln für den Sloane Ranger“ und die Rezensionen der Bücher „Cooler Faster More Expensive: The Return of the Sloane Ranger“ sowie „The Official Sloane Ranger Handbook„.

Was haltet ihr vom Sloane Ranger?

15 Gedanken zu „Der Sloane Ranger – Vertreter der britischen Upper Class

  1. Wow, Gratuliere Claire zu diesem tollen und informativen Posting. Ich habe mich schon lang gefragt was ein sloane ranger ist (du hattest es auch schon öfter erwähnt)und nicht viel drüber rausgefunden. Danke! Jetzt kenne ich mich aus! LG-Anja

    • Liebe Anja,
      Vielen Dank für deine netten Worte! Es freut mich, dass ich diesbezüglich etwas Licht ins Dunkel bringen durfte.
      Liebe Grüße,
      Claire

  2. Das ist der beste deutschsprachige Bericht den ich je über das Thema Sloane Ranger gelesen habe. Es war eine Freude ihn zu lesen. Viele Dank

  3. Liebe Claire, der Artikel ist Dir wirklich sehr gut gelungen! Ich freue mich immer wieder, wenn du einen neuen Eintrag postest. Kennst Du vielleicht eine Möglichkeit wie man sich das U-Englisch aneignen kann, wenn man nicht die Möglichkeit hat in dieser Gesellschaftsschicht zu leben und die Sprache zu lernen? Gibt es überhaupt für „Normalos“ wie uns eine Chance in dieser Gesellschaftsschicht aufgenommen zu werden und wenn ja, weißt Du auch wie? Vielen Dank im Voraus und auch für diesen wundervollen Blog! LG Anna

    • Liebe Anna,
      Vielen Dank für deinen Kommentar!
      Zur Sprache: das U-Vokabular kann man sich leicht aneignen, man findet diesbezüglich Tabellen etc. Die Upper Class hat aber auch ihre eigene Aussprache, Queen’s English, BBC English, Oxford English oder Upper Received Pronunciation genannt. Das lernt man eigentlich in der Schule (zumindest zu meiner Zeit ;-) ), es hilft, wenn man Filme oder Serien, die in der Upper Class spielen, im Originalton ansieht: Downton Abbey zB. kann ich sehr empfehlen. Das beste ist aber wie bei jeder Sprache, sie vor Ort zu lernen und möglichst viel zu sprechen!
      Zur anderen Frage: als Touristin in England ist das natürlich sinnlos, da müsstest du schon in England leben. Es wird nicht leicht sein, in diese Gesellschaftsschicht aufgenommen zu werden, in UK, wo es immer noch Nobilitierungen gibt und der Adel eine viel größere Rolle spielt als anderswo, ist das umso schwieriger. Man kann sich sicher die Sprechweise der Upper Class aneignen, auf eine Privatschule gehen, den Stil und den Lifestyle verinnerlichen, falls man die finanziellen Mittel hat, ob man dann aber wirklich „angenommen“ wird, ist eine andere Frage. Vielleicht verliebt sich ein Upper Class Bursche ins Aschenputtel (soll ja schon öfters vorgekommen sein). Ob es aber wirklich sinnvoll ist, sein ganzes Leben umzukrempeln, nur um die „besseren“ Kreise aufgenommen zu werden, sei jetzt mal dahingestellt…
      Liebe Grüße,
      Claire

  4. Liebe Claire,
    habe mit großem Vergnügen Deine Ausführungen über den Sloane Ranger gelesen. Wie siehst Du eigentlich die Entsprechung dazu bei uns daheim?
    Mir will zwar das eine oder andere Detail einfallen, aber dann gibt es auch wieder so viele Gegenbeispiele. Der Landadel (echt oder pseudo) alleine kann es ja wohl nicht sein. Freue mich auf Deine Meinung dazu.
    Herzlich
    – S

    • Liebe Sanne,
      Was für eine interessante Frage! Kompliment, du regst mich wirklich immer sehr zum Nachdenken an. Dieses Thema wäre sicher einmal einer eingehenderen Betrachtung wert.
      Nur ganz in Kürze: Ich tu‘ mir etwas schwer mit dem Begriff „Adel“ in Österreich. Man kann zwar einer ehemals adeligen Familie abstammen, aber rein rechtlich gesehen ist seit beinahe 100 Jahren in Österreich niemand mehr adelig. Sicher spielt der „Verborgene Stand“ von Gudula Walterskirchen noch immer eine gewisse Rolle, und die Nachnamen sind wichtig und zeigen auch Außenstehenden, mit wem sie es zu tun haben. Zur Oberschicht gehören aber auch Industriebosse, Wirtschaftsmagnaten, die Bildungselite und der Kreis, den die Medien „High Society“ nennen (letzteres ist aber nicht meine persönliche Meinung). Das alles zusammen ist in Österreich vielleicht das, was man in UK Upper Class nennt. Einen speziellen Namen hat sie aber nicht.
      Liebe Grüße,
      Claire

  5. Liebe Claire,
    Ein sehr guter und sehr lustiger Artikel voll Ironie, ein Lesegenuss! Ich hoffe , dass du uns die Bücher noch vorstellen wirst? Ich finde es noch speziell, dass Filmstars als Unterschicht angesehen werden. Was macht man dann, wenn man als Sloane Ranger ist und für die Neuverfilmung von „Ernst sein ist alle“ gecastet wird? OK, das ist keine ernste Frage, freue mich aber schon auf deinen nächsten Artikel.
    Liebe Grüsse, Nicole

    • Liebe Nicole,
      Vielen Dank für deinen Kommentar. Ja, ich habe schon vor, euch auch die Bücher vorzustellen, zumindest im Überblick. Das mit den Filmstars ist natürlich sehr versnobt, andererseits kann ich den Starkult, der um Schauspieler, Sänger etc. getrieben wird, auch nicht ganz nachvollziehen.
      Liebe Grüße,
      Claire

  6. Liebe Claire,

    bitte trage Deine Hunter zu jeder sich bietenden Gelegenheit.
    Ich gehe ab und zu in Gummi- oder Reitstiefeln zum einkaufen, der Blicke der anderen wegen, erhebend…
    Grüße
    Torsten

  7. Liebe Claire,

    sind die Hunter Gummistiefel für Dich nur ein Mode Accessoire?
    Oder steckt auch bei Dir mehr dahinter?
    Gern höre ich von Dir.
    Grüße
    Torsten

  8. Zum Glück habe ich und meine Kinder alte Namen. Gute Stiefel für den Winter fehlen mir noch. Werde nach dieser Motivation gleich welche besorgen.

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