Bäderarchitektur an der Ostsee

von Countess Claire

Der Sommer 2021 scheint noch in weiter Ferne und wenig planbar zu sein. Daher möchte ich mich auf die Schönheiten im eigenen Land bzw. in unmittelbaren Nachbarländern konzentrieren. Warum nicht einfach eine zauberhafte Sommerfrische wie damals verbringen? In Österreich bieten sich zum Beispiel das Salzkammergut, die Kärntner Seen oder der Semmering, der „Hausberg der Wiener“, an. Schweizer können herrliche Sommer zwischen dem Thunersee und dem Lago Maggiore verbringen. In Deutschland sind besonders die Nord- und Ostsee prädestiniert dazu, eine Auszeit vom Alltag zu nehmen. Für Anwohner und Liebhaber der Nordsee mag die Baltische See als Binnenmeer nicht spektakulär erscheinen, ist die Nordsee als Randmeer des Atlantiks um einiges unberechenbarer und stark den Gezeiten ausgesetzt.

Bäderarchitektur bzw. Bäderstil

Während man an der Nordsee reetgedeckte Backsteinhäuser mit Sprossenfenstern findet, nennt sich die besondere Architektur an den deutschen Seebädern der Ostseeküste „Bäderarchitektur“. Das Pendant an Seen ist übrigens die „Kurarchitektur“.

bäderarchitektur
Die Villa Undine, das älteste Haus in Binz, ist das schönste der drei Wolgasthäuser auf der Insel Rügen.
Das Wolgasthaus gilt übrigens als das erste Fertighaus der Welt, das zwischen 1868 und 1910 von der „Wolgaster Actien-Gesellschaft für Holzbearbeitung“ in der Stadt Wolgast vor der Insel Usedom gefertigt wurden. Die Firma baute vor allem Chalets für Bauherren in der ganzen Welt, insbesondere für Grundstückseigentümer auf Usedom und Rügen – und auch am Berliner Wannsee.

Die Bäderarchitektur ist ein Sammelsurium aus unterschiedlichen Baustilen. Die Anfänge sind im Stil des Klassizismus gehalten. Dann entwickelte sie sich über den Historismus bis hin zum Jugendstil. Der Bäderstil ist aber keine in sich geschlossene Stilepoche wie zum Beispiel die Renaissance oder das Barock. Die spezielle Zusammensetzung der stilistischen Elemente macht die Bäderarchitektur zu einer unverkennbaren Bauform.

Merkmale der Bäderarchitektur

Meistens handelt es sich dabei um zwei- bis viergeschossige Häuser mit Veranden und Balkonen. Beliebt sind besonders vorspringende Fassadenteile, die sogenannten Risaliten in der Mitte und an den Erkern von Villen. Fenster sind stets groß und in Rundbogen- oder Rechteckform, oft umgeben von Halbsäulen. Den Abschluss der Dachgeschosse bilden Dreiecksgiebel oder Türmchen. Maritime oder florale Motive sieht man darauf häufig.

Villa Meeresgruß in Binz auf der Insel Rügen. Man sieht kunstvolle Holzschnitzarbeiten über den Balkonen und Rislaiten, die von Dreiecksgiebeln gekrönt werden.

Die Fassaden sind großteils weiß getüncht, was auch der Grund dafür ist, dass Kurbäder oft „weiße Perlen“ genannt werden. Die Bauten wirken eher filigran, haben kunstvoll ziselierte Holzschnitzarbeiten und lediglich einen Kern aus Stein.

Manche Bädervillen, wie man freistehende Häuser bezeichnet, haben sogar Ähnlichkeit mit den Blockhütten des Alpenlandes und russischen Holzhäusern.

Bäderarchitektur an der Ostsee
Zwei Villen mit Eckturm und Mittelrisalit mit Bogen- bzw. Turmabschluss.
Seeheilbad Bansin auf Usedom.

Geschichtliches

Von Bäderarchitektur kann man erstmals im 1793 gegründeten Seebad Heiligendamm an der mecklenburgischen Ostseeküste sprechen. Heiligendamm ist übrigens das älteste Seebad in Europa. Die Bezeichnung „Seebad“ ist ein Prädikat für Kurorte, das an Ortschaften vergeben wird, in denen medizinische Kuren durchgeführt werden. Außerdem ist die Nutzung des Seeklimas im Kurbetrieb erforderlich. Das dortige Kurhaus gilt als Gründungsbau dieser Stilrichtung. Man nennt das ganze Ensemble „Perlenkette der weißen Stadt am Meer“. Der Stil verbreitete sich dann entlang der deutschen Ostseeküste. Vereinzelte Bauten befinden sich auch an der Nordsee, wenn auch weniger filigran, sondern großzügiger.

Berühmte Beispiele für Ensembles in Bäderarchitektur befinden sich vor allem an der mecklenburgischen und pommerschen Ostseeküste. Besonders auf der Insel Usedom in den Kaiserbädern am Strand und auf der Insel Rügen, findet man den Bäderstil. Aber auch an der Ostseeküste Schleswig-Holsteins hat seine hübschen Seebäder.

Auch heute wird oft noch im Bäderstil gebaut, um den historischen Charme zu wahren.

Am Timmendorfer Strand in Schleswig-Holstein verbrachte meine Großmama in ihrer Kindheit mit ihrer Familie oft die Sommerfrische. Der damals mondäne Ort hat viel von seiner Exklusivität verloren.
Hier ein hübsches Strandhotel im Bäderstil.

Ist die Bäderarchitektur nicht einfach bezaubernd? Es bleibt zu hoffen, dass die Seebäder in Zeiten des weltweiten Over-Tourism trotzdem irgendwann ihren ursprünglichen Charme wiederfinden können.

Interessiert ihr euch mehr über Baustile und Architektur? Dann kann ich euch folgende Artikel der Kategorie Baustile und Architektur empfehlen:

Coastal Living, Das Äußere der Häuser

Das Leben in den Elbvororten

Das Salzkammergut zwischen Tradition und Moderne

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3 Kommentare

Sandra T. 6. Februar 2021 - 09:08

Bezaubernd. Wenn es nur nicht so voll wäre ;o)
Aber wir haben es gut; wir sind nicht auf Ferienzeiten angewiesen und durften schon so oft feststellen, dass die Küstenorte auch im grauen Novemberwetter viel Charme besitzen. Man bummelt mit den Einwohnern durch kleine Orte und Städtchen, findet in süßen Läden schon die ersten Weihnachtsgeschenke … und die ganze Weite von Meer und Strand gehört uns und dem Hund. Immer wieder gern.
Viele der vorgestellten Reiseziele kenne ich noch nicht und danke für die schönen Ein- und Ausblicke samt Inspiration.

Herzlich, Sandra T.
(bisher eine stille, aber begeisterte Leserin)

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Countess Claire 7. Februar 2021 - 20:58

Liebe Sandra,
Vielen Dank für deine lieben Worte! Fein, dass dir mein Blog gefällt!
Absolut! Ich liebe alle schönen Orte auch abseits der Saison, wenn die Einheimischen wieder „übernommen“ haben.
Liebe Grüße,
Claire

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The Major 23. Februar 2021 - 12:12

Werte Countess
Ein sehr schöner Artikel – Besten Dank!
Ich schreibe meinen Kommentar bei schönstem Frühlingswetter und stelle mir einfach vor, dass ich auf der Veranda einer dieser wunderbaren Bauten sitze. Im Leinenazug und Stohhut!
Das macht so richtig Lust die Insel Rügen wieder einmal uz besuchen.
Hochachtungsvollst
The Major

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