Das Englische Landleben, Teil 1

von Countess Claire

Wolltet ihr schon immer wissen, wie man in Englands Upper Class bzw. Upper Middle Class lebt? Dann seid ihr hier auf dem Blog genau richtig, denn wieder konnte ich eine liebe Kommentatorin als Gastautorin gewinnen. Katrin alias Miss Kate hat drei Jahre im englischen Derbyshire Architectural Conservation (Baudenkmalpflege) studiert und lernte daher viele Häuser kennen. Im Zuge ihres Studiums trat sie den „Young Georgians“ bei, einer Organisation für junge Architekturinteressierte, wo sie Gelegenheit hatte, viele der großen Anwesen zu besuchen. Es entstanden aber auch Freundschaften, durch die sie privat Zugang zu Gutshäusern auf dem Lande hatte. Lassen wir sie selbst über das englische Landleben berichten:

Das Englische Landleben – Tradition und Skurrilität

Katrin: „Der in feinstem, makellosen Tweed mit Schlips und Kragen gekleidete Lord sitzt in der prall gefüllten Bibliothek seines jahrhundertealten gepflegten und trockenen Familiensitzes an seinem Schreibtisch und studiert alte Seekarten, als sein treuer Butler die gedeckte Teetafel im sonnigen Garten ankündigt, wo die Dame des Hauses bereits frisch gepflückte Rosen auf dem Beistelltisch neben den krustenfreien Sandwiches drapiert. Der Lord lustwandelt durch den Park auf seine Gattin zu und ärgert sich lediglich darüber, dass sich wider Erwarten leichte Wölkchen am Himmel zeigen.

Was sich uns bei Rosamunde Pilcher als perfektes englisches Landleben dargestellt wird, ist im wirklichen Leben nur die halbe Wahrheit. Wir finden zwar einen alten Familiensitz und auch den Herrn des Hauses in der Bibliothek an seinem Schreibtisch.

Englisches Landleben im Landhaus "Forde Abbey"

Das englische Landhaus „Forde Abbey“ auf einer Fotografie von Henry Kellner.

Den Tweed möchten wir unserem Lord selbstverständlich ebenfalls nicht absprechen, ob dieser allerdings so strahlendneu und sauber aussehen würde, sei dahin gestellt. Unser Lord, als richtiger country gentleman, trägt zunächst einmal den Familientweed, den dann irgendwann sein Sohn übernehmen wird, so wie er selbst einst von seinem Vater und dieser von seinem Vater. Hier zeigt sich die handwerkliche Qualität des einstigen Familienschneiders, möglicherweise in der Savile Row in London. Diese country classics sind seit Generationen nahezu unkaputtbar. Es gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Je mehr Patches und gestopfte (oder auch nicht) Löcher sich in einem Kleidungsstück befinden, desto älter ist die Familie.

Das alte Haus wird möglicherweise an der einen oder anderen Ecke ähnliche Mangelerscheinungen aufweisen wie die ererbten Pullover des Hausherrn. Irgendwann einmal notdürftig geflickt, hält das lose Schieferdach kaum dem nächsten Sturm stand und die überforderten Regenfallrohre nötigen das Wasser sich einen Weg durch die Stuckdecken im 1. Obergeschoss zu suchen.

Die Ländereien sind vielleicht auch schon zu einem großen Teil veräußert worden, um den Erhalt des Hauses finanzieren zu können. Der gemeine englische Landedelmann lebt längst nicht mehr das Leben eines solchen, wie man es noch vor 100 Jahren kannte.

Der gesellschaftliche gute Ton erforderte bereits im ausgehenden 16. Jahrhundert von den Edelleuten, besonders in den Sphären um das Souverän, sich einen Sitz auf dem Land zuzulegen. Dort durften sie eventuell, sofern sie sehr viel Glück und Ansehen besaßen, Seine Majestäten samt Gefolge in ihren bescheidenen vier Wänden und 340 Zimmern beherbergen, natürlich mit eigenen Staatsgemächern und auf eigene Kosten. Aber so mancher wartete auf Königs vergebens.

Die repräsentativen country houses kamen im folgenden Jahrhundert groß in Mode und jeder, der etwas auf sich hielt, baute sich ein hübsches Haus, vorzugsweise zum Zeitvertreib und Belustigung von Gästescharen. Auf dem Programm stand schon damals vorzugsweise die Jagd auf den ausgedehnten Ländereien.

Als dann während der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert eine neue Gesellschaftsschicht entstand, der Geldadel, wurde das Monopol auf Landsitze auf diesen erweitert. Es wurde gerne das Freizeitvergnügen des Adels imitiert. Die riesigen Güter blieben allerdings beim Landadel; der Neureiche baute sich lediglich seinen country retreat, als Statussymbol und als Unterhaltungsstätte für zu beeindruckende Gäste.“

Ich freue mich sehr über diesen tollen Insider-Bericht und kann euch verraten, dass es demnächst mit Teil 2 über „Das Englische Landleben“ weitergeht.

21 Kommentare

Sophie 15. Juni 2015 - 18:58

Liebe Claire,

danke für den interessanten Artikel. Aus heutiger Sicht ist es schön „nachhaltig“, wenn Kleidungsstücke so lange halten. Aber dass sich Tweed über Generationen weitervererbt, so 50 bis 100 Jahre oder länger? Man müßte doch den Kleiderschrank voller Mottenkugeln oder Lavendelsäckchen haben, damit das Wollgewebe nicht nach schon ca. 15 Jahren die ersten Löcher bekommt. Faszinierend, wenn der Adel seine „Heritage“-Kostüme trotzdem so lange erhalten konnte.
Über die Schwierigkeiten, einen großen Landsitz gut in Schuss zu halten, schreibt auch Elsemarie Maletzke in ihrer Biographie über Elizabeth Bowen. Bowen schrieb Romane, damit sie die Kosten für die Instandhaltung auftreiben konnte, jedoch am Ende mußte sie leider aufgeben. Die Biographie ist lesenswert, vor allem die Beschreibung, wie Bowen sich für den Abend umzieht… Gesellschaft pflegt, Gäste hat.
Übrigens, meine Brigitte von Schönfels – Steppjacke in schönem Dunkelblau in Kombination mit T. H. Hose in Reiterstil ist angekommen, ich bin sehr glücklich, sehe so schick aus!
Mit der Barbour-Regenmantel in navy eher nicht, die Farbe wirkt fad, zuwenig Köpfe, Länge zu kurz, schade.
Liebe Grüße,
Sophie

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Countess Claire 15. Juni 2015 - 19:14

Liebe Sophie,
Es freut mich, dass dir der Artikel gefallen hat, er war allerdings von Miss Kate, nicht von mir. Ich habe ihn auch ganz, ganz wunderbar gefunden! Freu‘ dich auf den 2. Teil!
Toll, dass dir zwei der drei Stücke zusagen, ich finde, das ist eine sehr gute Ausbeute beim Online-Shopping!
Liebe Grüße,
Claire

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Miss Kate 16. Juni 2015 - 09:51

Liebe Sophie,

es ist in der Tat unglaublich, was sich in den Untiefen der zahlreichen Kleiderschränke alles (wieder-)findet. Längst vergessene viktorianische Damenroben und alte Wachsmäntel und dicke Lambswoolpullover sind keine Seltenheit. Wer also ein Bekleidungsstück sucht, geht durch die alten Schränke und findet garantiert irgendetwas. Die Löcher werden gerne in Kauf genommen!

Ich war einmal in einem Haus zu Besuch, wo der Eigentümer in den unbewohnten (aber noch voll ausgestatteten Schlafzimmern) sämtliche Kleidungsstücke auf den großen Betten ausgebreitet hatte. Sogar traumhafte Empire-Kleider aus der Jane-Austen-Zeit waren darunter; hier haben die Mottenkugeln und Lavendelsäckchen also hervorragende Arbeit geleistet, und wir Mädels standen ehrfürchtig davor und warteten sehnsuchtsvoll auf Mr. Darcy! (Er kam nicht…)

Herzlichst,

Kate.

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Major McMorghey 16. Juni 2015 - 08:05

…und die Schuhe werden vom Butler eingelaufen!
Werte Countess, Miss Kate, Myladies!
Schön wäre es so leben zu können und sogar – richtig bewirtschaftet – davon leben zu können. Das ganze Leben nur Hobby!
Ich könnte es mir vorstellen :-)
Schottland (nicht nur Schottland, zugegebenermassen) ist voll mit Schlosshotels und es kann dort ein wenig der beschriebenen „Luft“ geschnuppert werden.
Miss Kate, ich freue mich sehr auf die Fortsetzung.

Hochachtungsvollst
The Major

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Miss Kate 16. Juni 2015 - 09:57

Hochgeschätzter Major,

so zu leben, egal wie, hauptsache auf dem Land in einem schönen großen Haus, ist ein Traum; Schätze und gelebte Geschichte wohin das Auge blickt!
Es freut mich, wenn Ihnen der Artikel (bislang) gefallen hat und ich hoffe, dass Ihre Erwartungen in der Fortsetzung nicht enttäuscht werden!

Herzlichst,

Miss Kate.

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Anita 16. Juni 2015 - 09:48

Wie wahr, wie wahr.
Wunderbar, es mal in Worten zu lesen, was leider viele nicht wissen.
Adel verpflichtet in vielerlei Hinsicht. Ich bewundere es immer wieder mit wie viel Liebe und Tradition altes Hab und Gut gepflegt wird. Leider vergessen das sehr viele und schätzen es zu wenig. Es verwundert nicht, dass zu nehmend die Schlösser und Herrenhäuser für Hochzeiten und sonstige Veranstaltungen geöffnet werden, weil der Erhalt solcher, meist noch unter Denkmal stehenden Häuser, unbezahlbar werden. Ob in England, Frankreich, Deutschland und den anderen Ländern. Ich liebe die alten Gemäuer, das steckt so viel Geschichte darin. Gern sehe ich auch das Britische Landleben z.B. wie gestern im Fernsehen mit der Serie „Inspektor Barnaby“. Oft kann auch hier in alte Herrenhäuser mal geschaut werden, auch wenn es nur mit der TV Kamera ist.
Vielen Dank für den schönen 1. Teil und freue mich schon auf den 2..
Viele Grüße Anita

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Sophie 16. Juni 2015 - 22:07

Liebe Miss Kate, liebe Countess Claire,

Danke für die interessante Antwort, dann ist es wohl möglich, dass die guten Stücke so lange halten. Damals gab es ja sicher keine Billiglohnländer wie heute, sondern Schneider, die ihr Handwerk beherrscht haben und auch die Qualität der Materialien führte sicher zu dieser langen Haltbarkeit.
Was mir außerdem besonders gefällt, dass die Landsitze Bibliotheken haben. Klassiker veralten nie, und gut sortierte Bibliotheken sind Gold wert, ästhetisch und geistig anregender als die riesigen Flachbildschirme, die heute leider viele Wohnzimmer dominieren.
Miss Kate, ich vermute, Shakespeare ist bestimmt ein Muss, außerdem mindestens John Miltons „Paradise Lost“, The Major Works of P.B. Shelley, Lord Byron, nicht zu vergessen die antiken Griechen und Römer, vielleicht auch Franzosen? Außerdem Philosophen und Theoretiker wie Hume, Berkeley, Adam Smith und Enzyklopädie-Bände von der Royal Horticultural Society, nehme ich an. Denn Engländer sollen ja leidenschaftliche Gärtner sein.

Herzliche Grüße,
Sophie

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Lady Petite 17. Juni 2015 - 13:02

Bezüglich der Kleidung möchte ich etwas ergänzen.
Denn etwas dürfen wir nicht außer Acht lassen. Zur der damaligen Zeit (siehe Downton Abbey) zogen sich die Damen und Herrn mehrmals am Tag um. Keiner der vielen Garderoben wurde mehrere Stunden am Tag oder gar den ganzen Tag getragen. Wenn die Kleidung dem Anlass entsprechend gewählt wird, können Kleider lange halten. Der Modetrend ist oft der Faktor, weshalb vieles nicht oft getragen wird/wurde und daher auch die Kleider weniger zu leiden haben als zu unserer Zeit. Dann auch sicherlich die Pflege. Handwäsche und natürliche Reinigungsmittel. Keine Waschmaschine und keine Bleiche. Die Kleidung, die täglich im Einsatz war, wie die Tweed- und Wachsjacken, sind im Haus an einer anderen Stelle. Meist ein Nebenraum, wo der Lord sich für den Ausritt oder die Gassirunde mit den Hunden umziehen kann. Auch die Reiter- und Gummistiefel stehen oft hier bereit. Das ist auch heut zu tage auch oft noch so. Vieles von damals ist auf unsere heutige Zeit nicht (mehr) anwendbar. Es fängt schon an, dass wir uns kaum mehrmals am Tag umziehen können und kaum jemand einen Nebenraum für seine Wachsjacken und Gummistiefel hat. Zu dem finde, ich, dass viele eher neu Kaufen als altes zu Pflegen. Ich gehöre noch zu den Personen die die Lederschuhe regelmäßig putzt. Die Wachsjacke und die Gummistiefel für die Gassirunde stehen im Waschkeller, der einen Ausgang nach draußen hat bereit. Ich kleide mich, dem Anlass entsprechend, und ziehe mich schon mal (auch mal mehrmals am tag) um, so dass meine hochwertige Kleidung auch länger wie neu aussieht. Zu dem werden – vorsorglich alle Wollstücke vor der Wintereinmottung gereinigt, ob mit Hand, Handwäscheprogram in der Maschine oder in der Reinigung. Wenn das jemand hört, kommt meistens die Aussage, “ Du musst Zeit haben“. Dann Antworte ich nur, nein habe ich nicht, und ich habe auch keine lust ewig in der Stadt zu shoppen, denn dafür habe ich keine Zeit und investiere diese Zeit lieber in die Pflege (meiner)unserer Garderobe. Schade, dass das Shoppen und Konsumieren in unseren Zeit einen hören Stellenwert in der Gesellschaft hat, als die Pflege und Wartung des eigenen Habes und Gutes. Daher lese ich gern bei der lieben Countess Claire, denn hier finden sich zum Glück andere die meine Meinung teilen und anderes als den Konsum als Wertvoller im leben finden. Liebe Grüße Anita

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Miss Kate 17. Juni 2015 - 21:25

Liebe Sophie,

in einigen Bibliotheken sind natürlich richtige unbezahlbare Schätze zu finden, auch wenn ein Besucher dazu vielleicht nicht unbedingt Zugriff hat, aus verständlichen konservatorischen Gründen. Viele Hausherren sammelten zu ihren Zeiten sämtliche Werke, darunter dürften Klassiker der Literatur sowie auch naturwissenschaftliche Werke zu finden sein. Dadurch wuchsen die Bibliotheken zu beachtlichen Größen heran. Allein jene in Chatsworth und Longleat House sind legendär und einen Besuch wert!
Ich bin kein Textilexperte, aber allein die handwerkliche Qualität von damals ist überhaupt nicht mit der industriellen von heute zu vergleichen. Und wie die liebe Anita weiter unten bereits ergänzte, wurde damals in den großen Häusern anders gelebt als heute, die Etikette spielte eine wichtige Rolle. Dazu gehörte eben auch eine große und umfangreiche Garderobe. Wenn sich heute noch Einzelstücke oder gar ganze Ausstattungen finden, so ist das doch ein großes Glück, hat man doch Zeitzeugen par excellence! Für Kostümforscher sind solche alten Häuser wahre Fundgruben.
Die Outdoorbekleidung wurde, und wird immer noch, meistens im „boot room“ verwahrt, neben den Reit- und Gummistiefeln und Hundeschlafplätzen, aber auch das hatte Anita bereits erwähnt.
Alte Wachsjacken in meinem englischen Umfeld rochen auch meistens wie solche, wie alt diese letztlich sind/waren, vermag ich nicht zu sagen. Rein optisch hatten sie aber definitiv schon einige Jahre hinter sich! Entgegen vieler anderer liebe ich diesen gewachsten Geruch und freue mich immer, wenn ich in unseren unteren Flur komme und den Wachsduft der Jackenparade schnuppere; der Tweed hat sich jedoch zumindest bei einigen Bekannten bei Begrüßungen durch eine weniger dezente Mottenkugelnote nicht immer positiv hervor getan (wenn es wenigstens Lavendel gewesen wäre), aber wahrscheinlich wurde das Jacket gerade erst gefunden, man weiß es nicht!
Liebe Sophie, ich hoffe, dass Dir mein Artikel trotzdem zusagt, auch wenn er das Englische Landleben nur eindrucksweise zusammenfasst und sich nicht spezifischen Themen im Detail zuwendet, dazu wäre glatt ein Buch notwendig!!

Herzlichst,

Kate.

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Lady Petite 17. Juni 2015 - 21:52

Liebe Kate,
vielen Dank für den ersten Einblick und den wunderbaren Artikel. Freue mich schon auf den zweiten Teil.

Boot Room, so heißt dieser Raum, vielen Dank. Oft gesehen aber nie gewusst, wie dieser genannt wird. Gibt es auch einen deutschen Namen dafür? Würde mich schon mal Interessieren. Für alle nie nicht wissen wie es aussieht, einfach mal Googlen und sich von den Bildern inspirieren lassen. Allerdings sehen die im Internet doch sehr „stylisch“ aus :)

Schönen Abend und viele Grüße
Anita

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Miss Kate 17. Juni 2015 - 21:58

Liebe Anita,

ganz einfach Stiefelkammer?? Oder ist das nur ein Relikt aus meiner Reiterzeit?! Gute Frage. Aber ich finde, jeder sollte einen boot room haben!

Herzlichst,
Kate.

Antworten
Lady Petite 17. Juni 2015 - 22:45

Ha ha, liebe Kate, das wäre doch zu „offensichtlich“ ;) Stiefelkammer :)))

Stimme ich absolut zu, jeder der kann, sollte so ein Raum haben oder eine Ecke, wie ein Kellerabgang ;)
Besonders wenn man die Natur liebt und oft mit Hund bei Wind und Wetter unterwegs ist :) Allerdings, ist das Wetter hier im Westen weniger Nass, so dass die Wachsjacke nicht oft zum Einsatz kommt. Da ist das Englische-Wetter schon geeigneter. Schönen Abend, Anita

Sophie 17. Juni 2015 - 11:20

P.S. Liebe Miss Kate, haben die alten Wachsjacken streng gerochen und wenn ja, wurden sie getrennt von anderen Kleidungsstücken in einem separaten Schrank aufbewahrt? War deren Innenfutter aus dünner Wolle?

Herzlichst,
Sophie

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Sophie 17. Juni 2015 - 18:52

Liebe Anita,

danke für die interessanten Erläuterungen! Ich stimme Dir ganz zu, es ist sinnvoller, nicht ständig neue Sachen zu kaufen, sondern die vorhandenen zu pflegen. Das ist auch meine Absicht schon seit Jahren. Ich habe sogar ein paar Schuhe, die sind schon zwanzig Jahre alt, für die abgelaufenen Absätze war ich schon bestimmt zehnmal beim Schuster.
Neulich war ich auch „online shoppen“, wie man das neulich durch meine etwas ungenierte Art mitkriegen konnte. Ich würde sehr sehr gerne weniger Neues kaufen, aber es gibt – da kann ich erstmal nur für mich sprechen – leider einige Gründe für Neuerwerbungen. Erstens bin ich nicht blaublütig oder nicht sonstwie in eine Familie hineingewachsen, die mir vorgelebt hat, was Qualität und Stil sind. Ich bin auch die Erste, die studiert hat und die politisch schon vom Teenageralter für die Grünen war. So kommt es, dass ich auf der Suche war und bin und mich viel informieren muss. Was ist Qualität, was zeitlose, langlebige Eleganz? Wer soll mein Vorbild sein?
Manchen Menschen fehlen die Vorbilder oder sie haben die falschen – etwa durch bestimmte Fernsehserien oder Popstars – das kann ein Grund für zuviel Konsumismus sein.
Ein weiteres Problem war für mich die Wahl der passenden Farben. Ich habe oft gehört, ich soll kräftige Farben tragen, weil ich so blass wäre. Viele Verkäuferinnen sind in dieser Hinsicht nicht gut ausgebildet. Ich liebe zum Beispiel Beige, Creme und Camel und dachte, sie wären alterslose Farben. Und ich habe immer gedacht, ich könnte Blau nicht tragen. Sich selbst, den eigenen Farbtyp zu beurteilen ist nicht immer einfach und man muss halt die Kriterien kennen, nach denen man das beurteilen kann. Das heißt, ich habe (eigentlich viel zu spät) eine Farbberaterin kontaktiert und ich muss wirklich sagen, das hat sich gelohnt. Auch wenn das hieß, dass ich mich von meinen geliebten beigen Kaschmirstrickjacke, dem beigen Kamelhaarmantel und dem so paßgenauen Leinenblazer trennen mußte (bei ebay oder im Secondhandladen verkauft oder einer lieben Freundin geschenkt, die sich darüber gefreut hat). Aber für meinen blauen Dufflecoat, den ich anschließend kaufte, bekam ich Komplimente.
Neben der Herkunftsfamilie, die Tradition vorlebt oder auch nicht und neben der Kenntnis des eigenen Farbtyps sind noch zwei Sachen wichtig: Disziplin in puncto Körpergewicht. Man muss es halten können, wenn man jahrzehntelang oder gar ein ganzes Leben lang in die guten Sachen passen will. Gerade bei Frauen ist es manchmal etwas schwierig nach Schwangerschaften oder nach den Wechseljahren. Gesunde Ernährung und Bewegung, Maßhalten spielen eine Rolle und es ist ein Vorteil, wenn man diese Qualitäten auch quasi mit der Muttermilch aufsagen konnte.
Zu guter Letzt muss man auch noch wissen, welche Marken konservativ bleiben und nicht jede Saison Trends im Sortiment aufgreifen. Ich bin seit Jahren treue Kundin von hessnatur („humanity in fashion“), aber selbst hessnatur greift Trends auf, weil Kundinnen das explizit wünschen. Sie wollen ja keine verlieren, also kommen sie den Wünschen nach. Und weil hessnatur sehr wenige gut geschnittene, klassische Damenblusen und Damenblazer im Sortiment hat, musste ich auch viel woanders suchen. Das ist nicht einfach, da selbst Marc O´Polo oder Tommy Hilfiger nicht so viel Klassisches haben.
So kommt es, dass ich neulich einen Begriff (weiß leider nicht mehr, welchen) in der Suchmaschine angegeben habe und dann auf Claires Blog gestoßen bin. Vielen Dank, Claire, für Deinen besonderen Blog und für Deine Tipps, das hat mir sehr geholfen!

Liebe Grüße,
Sophie

Antworten
Lady Petite 17. Juni 2015 - 20:53

Liebe Sophie,
Ihre Worte brachten mich zum Nachdenken und Sie haben auf jeden Fall den richtigen Schritt gemacht, dass Sie angefangen haben sich selbst Gedanken darüber zu machen. Leider werden wir in diesem Zeitalter sehr viel mit Werbung, Bildern und Magazinen verlockt. Der Schritt sich Hilfe zu holen und auch sich selbst zu besinnen und betrachten ist genau richtig. Wenn Sie wissen welcher Schnitt, Farbe und Stil zu Ihnen passt und Sie sich darin wohl fühlen, kauf man weniger für die Kleiderspende und kann damit auch hochwertiger kaufen. Ggf. auch Maßschneidern wg. der Passform. Die Kunst ist auch, den ständigen Verlockungen zu widerstehen. Glauben Sie mir das ist nicht so einfach. Disziplin auch bei Kleidungskauf ist wichtig. Markennamen sind leider lange nicht mehr ein Garant für Qualität, Passform und Langlebigkeit. Hier muss Frau leider sich selbst intensiver damit beschäftigen, in dem Sie das Materialetikett liest und Informiert und und und. Zeitlose Klassik ist immer eine gute Wahl, die mal mit einem modischen oder trendigen Teil ergänzt werden kann. Stil ist die Garderobe die zu einem selbst passt und nicht von Werbung und Markennamen vorgegeben wird. Wichtig ist die Passform. Auch leider hier muss Frau immer wieder anprobieren, denn auch hier ist die Marke kein Garant. Ich wünsche Ihnen alles gute und ich lese heraus, dass sie auf den richtigen Weg sind. Viele Grüße Anita

Antworten
Major McMorghey 18. Juni 2015 - 07:50

Werte Sophie, Myladies

Als ich ihre Zeilen las, kam mir als erster Gedanke: „Selbermachen“!

Das ist zugegebenermassen nicht immer einfach und erfordert Zeit. In der Anfangsphase auch schon mal ein gutes Nervenkostüm. Die Befriedigung und der Stolz wenn das gute Stück dann fertig ist und einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt wird, ist unbezahlbar!

Der Vollständigkeit halber erwähne ich noch einige Vorteile:
– Stoffe und Schnitte können zeitlos gewählt und gestaltet werden;
– Stoffe können eben mit den Stichworten „Langlebigkeit“, „Nachhaltigkeit“ ausgewählt werden;
– Echte Individualität!

Nun kommt der Einwand von wegen keine Zeit, kein Talent und weitere.
Stimmt!
Doch was spricht gegen „machen lassen“?
Gemessen an der langen Tragezeit ist der Preis erschwinglich. Schliesslich könnte eine solche Bluse länger als zwei oder drei Jahre getragen werden.

Ein bekanntes Beispiel sind Schuhe. Ich persönlich investiere lieber mehr mit der Gewissheit, dass ich diese Schuhe eben auch reparieren lassen kann.
Zugegeben: Als Mann hat man es einfacher, da die modischen Strömungen nicht so hohe Wellen schlagen.

Hochachtungsvollst
The Major

Antworten
Sophie 17. Juni 2015 - 21:41

Liebe Miss Kate, liebe Lady Petite,

vielen Dank für Mühe beim Antworten! Vielleicht habt Ihr beide Lust, Euch zusammenzutun und in der Tat ein Buch zu schreiben?
Ich habe sonst immer mehr Fragen (werden die gereinigten und einzumottenden Wintersachen in Kartons verpackt?) und es würde immer schlimmer werden :-)
Einen „boot room“ habe ich zwar nicht, allerdings könnte hinter der Tür zum Kellereingang ein Plätzchen für Wachsjacken und Gummistiefeln neben dem Gelben Sack eingerichtet werden.

Liebe Grüße,
Sophie

Antworten
Miss Kate 17. Juni 2015 - 21:51

Eine fabelhafte Idee! Den Gelben Sack würde ich allerdings umsiedeln, er passt farblich so schlecht zum Wachsgrün…!!

Antworten
Sophie 18. Juni 2015 - 09:51

Verehrter Major,

danke für die nützliche Vorschläge. Daran habe ich das eine oder andere Mal schon mal gedacht. Meine Oma war ausgebildete Schneiderin, sie nähte mir und meiner Cousinen noch vieles auf der mechanischen „Wipp“- Nähmaschine. Leider weilt sie schon seit zwei Jahrzehnten nicht mehr unter uns… meine einsamen Versuche, was Kleider- oder Stofftiernähen für dieTöchterlein angeht, waren originell, aber auch verbesserungsbedürftig. Ich musste manches öfters nachbessern, weil die Säume nicht sauber vernäht waren.
Man lernt immer was dazu. Aber bedenken muss man auch: ein guter Schneider geht mindestens zwei Jahre in die Lehre, täglich, bis er ein langlebiges Hemd hinkriegt, hat er schon sehr viel Zeit durch die Anleitung eines Ausbilders inverstiert.
Bleibt Schneidern lassen als Alternative. Das hat man früher öfters gemacht, vor dem Deutschen Wirtschaftswunder. Sollte ich mal sehr verzweifelt sein und weder im British Shop noch bei Franconia oder Ralph Lauren was finden, dann werde ich sicher zu einem richtigen Schneider, d.h. keinen Änderungsschneider, gehen.
Es fällt schon auf: Stoffläden gibt es auch immer weniger, die wenigsten lassen extra maßschneidern.
Aber bevor man überhaupt was unternimmt: Männer haben es in der Hinsicht, dass der Anzug schon längere Zeit das Kleidungsstück des Mannes schlechthin ist, einfacher als Frauen: wie soll sich den eine Frau kleiden? Darüber gibt es keine Einigkeit. Ist Kanzlerin Merkel noch weiblich oder imitiert sie die männlichen Dresscodes? Die Frauenmode ist mehr oder weniger dem Gentleman nachempfunden, bloß dass sie keine Krawatte, sondern eine Halskette trägt. Wer soll unser Aushängeschild, unsere Ikone werden: Grace Kelly, Audrey Hepburn, Marlene Dietrich, Lady Diana, Prinzessin Catherine? Ist die Mode in Wirklichkeit nicht Unisex? Das ist auch das große Problem: die Definition von Zeitlosigkeit. Bevor ich was unternehme, brauche ich also eine gute Vorstellung davon, was sie ist und sein kann. Countess Claire hilft in dieser Hinsicht schon viel, indem sie ihre Outfits vorstellt. Allerdings wird man durchs Imitieren ja noch keine Lady, man muss die Ideen hinter den Outfits erst einmal studieren, begreifen. Da haben Majors und Gentlemen es sicher einfacher, es sei denn, sie wollten sich dandymäßig wie Oscar Wilde anziehen.

Mit freundlichen Grüßen,
Sophie

Antworten
Sophie 18. Juni 2015 - 10:21

Liebe Miss Kate und Lady Petite,

ich werde meinen Kellerabgang ab sofort ganz vornehm „boot room“ nennen und ihn dadurch unheimlich aufwerten. Nichts gegen Anglizismen, ich habe nebenbei schließlich auch drei Semester Anglistik auf dem Buckel. Ist also quasi Teil meiner Biographie. Der Gelbe Sack wird schon eine drohende Überfremdung verhindern:-)
Bitte schreibt ein Buch!
Liebe Grüße,
Sophie

Antworten
Countess Claire 22. Juni 2015 - 08:43

Ihr Lieben,
Ihr habt mich wieder einmal inspiriert, ein boot room ist wirklich eine wunderbare Sache, und natürlich auch ein Artikel darüber!
Liebe Grüße an alle,
Claire

Antworten

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