Das Englische Landleben, Teil 2

von Countess Claire

Heute geht es weiter mit dem 2. Teil des amüsanten Berichts meiner Gastautorin Katrin alias Miss Kate über das englische Upper Class Leben auf dem Lande. Hab ihr den Anfang verpasst? Hier geht’s lang zum Teil 1 über das Englische Landleben.

Das Englische Landleben – Tradition und Skurillität

Katrin: „Hunting, shooting und fishing, Croquet und Federball auf dem hinteren Rasen, dazu Strohhüte und frische Limonade, das Landleben wie wir es uns heute oftmals vorstellen und kennen, wurde im frühen 20. Jahrhundert, in der Edwardianischen Epoche, geprägt. Zweifellos wird es heute vorzugsweise eben so zelebriert.

Das Englische Landleben könnte heute in der Tat malerisch sein, wäre da nicht die grundsätzliche Sorge der Gutsbesitzer, wie sie ihre Familiensitze unterhalten sollen. Natürlich besitzen sie Ländereien, sind aber längst nicht mehr alle so wohlhabend, wie es zuweilen gerne dargestellt wird. Das Herrschaftliche ist in der Vergangenheit nach den beiden großen Kriegen verblasst, als die teils millionenschweren Erbschaftssteuern zu zahlen waren. Ab da ging es bergab und das Landleben das wir aus Downton Abbey kennen, fand in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein jähes Ende.

Das aus der gleichnamigen Fernsehserie als "Downton Abbey" bekannte Highclere Castle auf einer Fotografie von JB + UK_Planet.

Das aus der gleichnamigen Fernsehserie als „Downton Abbey“ bekannte Highclere Castle auf einer Fotografie von JB + UK_Planet.

Die meisten Eigentümer sehen sich inzwischen dazu verpflichtet, ihren Familiensitz der Öffentlichkeit zugänglich zu machen oder gar an die Denkmalschutzorganisation „National Trust“ abzutreten, und damit selber nur noch Mieter im eigenen Hause zu sein.

Die Familien versuchen das Abgeben der Verantwortung positiv zu sehen: Die Summen, die der National Trust in die Erhaltung der Häuser steckt, würden sie niemals selbst aufbringen können und dadurch natürlich den Erhalt gefährden. Einige Familien haben mit der Öffnung ihrer Häuser sogar einen eigenen Wirtschaftszweig gefunden und vermarkten ihre Häuser selber im großen Stil.

Diejenigen Familien, die jedoch das Glück haben und noch in ihren Häusern leben können, führen meistens das klassische Landleben in Tweed und Gummistiefeln, mit Pferd und Hund. Die Kinder des Hauses wohnen überwiegend „in town“ (London), haben außergewöhnliche Berufe wie Heraldikforscher, Countertenor-Sänger oder arbeiten bei Sotheby’s oder Christie’s in der Kunstgemäldeabteilung.

Der junge Londoner vom Lande zeichnet sich übrigens besonders durch farbige Hosen aus, kombiniert mit eben jenem ererbten Pullover oder der Tweedjacke vom Urgroßvater, bunten Socken (zum Glück hat man zwei Füße und kann daher auch den Luxus der Entscheidungsfreiheit genießen und trägt zuweilen zwei verschieden bunte Fußkleider) in den braunen Wildlederslippern.

Am Wochenende wird das Zuhause auf dem Land von ihnen und einer Auswahl von Freunden heimgesucht, die sich dort von den Strapazen der Stadt zu erholen suchen. Jeder der zahlreichen weekend guests bekommt selbstverständlich sein eigenes Zimmer. Es wird gelustwandelt, Croquet gespielt und gepicknickt, vielleicht auch gejagt und in Black Tie diniert; aus den Tiefen Narnia-ähnlicher Kleiderschränke werden alte Uniformjacken, edwardianische Tropenhüte und türkische Fez hervorgekramt und man feiert ausgelassen sich selbst.

Die Verpilcherung des Englischen Landlebens wird selbigem nur bedingt gerecht; die Löcher in den Pullovern, die Sammlung alter Gummistiefel, Teppiche voll Hundehaar und der bröckelnde Putz an den Wänden bleiben unerwähnt. Naturverbundenheit, verstaubte Pracht, zerschlissene Eleganz und ein Hauch von Familienstolz machen das wahre Landleben aus! Und dazu ein Tässchen Tee.“

Liebe Katrin, vielen Dank für diese wunderbaren zwei Artikel! Es hat mir großen Spaß gemacht, deine humorvollen Zeilen zu lesen.

Meine Damen, was gefällt euch am englischen Landleben – oder auch nicht?

6 Kommentare

Major McMorghey 1. Juli 2015 - 15:33

Werte Miss Kate, Mylady

Eine wunderbare Fortsetzung – herzlichen Dank. Ich bin nun so unverfroren und hoffe auf eine weitere Folge.

Ich für meinen Teil ziehe das Landleben vor. Doch möchte ich mich nicht mit allem belasten, was solch ein Landleben nach sich zieht. Meine Gartenarbeit reduziert sich auf das Aufstellen der Gartenmöbel und dem Entflammen des Grills 
Das Lustwandeln und Erholen liegt mir eher.

Es zeigt sich hier das britische „Wir-lassen-uns-nicht-unterkriegen-und-machen-das-Beste-daraus“ und so wohnen wir in „unserem“ Haus und sind dennoch nur Mieter.
Solution-oriented, isn’t it?
Und trinken eine Tasse Tee.

Nochmals vielen Dank für diese Einblicke.
Hochachtungsvollst
The Major

Antworten
Countess Claire 3. Juli 2015 - 09:14

Lieber Major,
Ich hoffe auch auf eine Fortsetzung … wer weiß? ;-)
Liebe Grüße,
Claire

Antworten
Miss Kate 3. Juli 2015 - 18:57

Verehrter Major,

Ihr Lob freut mich sehr.
Es wäre durchaus möglich, dass Ihre Unverfrorenheit auf bereits geöffnete Ohren stößt!

Herzlichst,

Kate.

Antworten
Sophie 3. Juli 2015 - 17:45

Liebe Miss Kate,

Spontan musste ich an Donna Tartts Romandebüt denken, an „Die geheime Geschichte“. Fünf Studenten verbringen ihre Wochenenden bei einem der Fünf, der das Haus einer reichen Tante in der Nähe hat. Der Protagonist Richard Papen findet diese Wochenenden anfangs schön und wünscht, sie würden immer so bleiben. Es kommt dann aber anders.
Nun ja, einen außergewöhnlichen Beruf zu haben und schön entspannte Wochenenden, davon könnte ich schon träumen :-)
Doch wer hat heute selbst mit außergewöhnlichen Berufen mehr oder wenige freie Wochenenden? Auch ein Heraldikforscher muss publizieren, lehren, Arbeiten korrigieren, nehme ich an.

Liebe Grüße,
Sophie

Antworten
Miss Kate 3. Juli 2015 - 19:32

Liebe Sophie,

der Debütroman von Donna Tartt klingt sehr interessant, darüber werde ich mich mal genauer informieren!

Der junge Londoner, zumindest diejenigen aus meinem Bekanntenkreis, macht sich meistens ein schönes Wochenende. Die Stadt wird meistens fluchtartig verlassen, übrigens in Vehikeln die zweifellos auf dem Land zu Hause sind! An Arbeit wird vorzugsweise erst einmal nicht gedacht, dafür hat man in der Woche Zeit genug. Sicher wird es aber auch bei ihnen Situationen geben, wo eben das Wochenende gearbeitet werden muss.
Dafür wird auch viel unter der Woche abends gefeiert. Die besten Parties fanden zu meiner Zeit meistens an einem Dienstag statt!!

Herzlichst,
Kate.

Antworten
Sophie 3. Juli 2015 - 21:30

Liebe Miss Kate,

das ist ja schön, wenn man zu feiern versteht. Am besten gepaart mit dem berühmten britischen Humor. Über sich selbst zu lachen schafft eine gesunde Distanz, auch zum Alltag.
Wenn man den britischen Humor schätzt, würde ich als Sommerlektüre „Mrs. Alis unpassende Leidenschaft“ von Helen Simonson empfehlen (gerne auch auf Englisch).
Sie ist etwas leichter zu lesen als „Die geheime Geschichte“. Letztere ist schon spannend, ähnelt dem „Club der toten Dichter“, hat mich nur manchmal stark mitgenommen. Aber Donna Tartt hat ein sehr gutes Gespür für Stilistik und Charaktere.

Herzlichst,
Sophie

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