Das Leben in den Elbvororten

von Countess Claire

Hier am Blog habe ich euch Marie aus Hamburg schon vorgestellt. Ihr wunderschöner, klassischer Einrichtungsstil mit einem Mix aus englischen Antiquitäten, deutschem und dänischem Biedermeier sowie neuen Möbeln hat uns alle begeistert. Immer wieder können wir auf ihrem Instagramaccount _a.m.w_ hübsche Ausschnitte ihres Klinkerhauses in Blankenese bewundern. Nun war Marie meine Ansprechpartnerin in Sachen „Das Leben in den Elbvororten“ und hat viel Informationen und bezaubernde Fotos zur Verfügung gestellt.

Geschichtliches zum Leben in den Elbvororten

Die Elbvororte sind heute das größte zusammenhängende Villengebiet in Deutschland.
Sie sind aus den Bauerndörfern Othmarschen, Nienstedten, Flottbek, Dockenhuden (gehört heute zu Blankenese), dem Fischerdorf Blankenese und Rissen entstanden.

Das Leben in den ElbvorortenEin wunderschöner Klinkerbau mit weißen Sprossenfenstern im Heimatstil. Foto: Marie

Seit 1927 gehörten sie zu Altona und erst seit 1937 zusammen mit Altona zu Hamburg.
Im späten 18. Jahrhundert wurden die ersten Landsitze von wohlhabenden Hamburger Kaufleuten gebaut. Seit 1867 gab es eine Bahnverbindung  von Hamburg über Altona nach Blankenese, deshalb zog um 1900 das wohlhabende Bürgertum ebenfalls vermehrt ins Grüne.
Es entstanden die Villenkolonie Hochkamp und weitere Villengebiete um die Bahnhöfe von Blankenese und Othmarschen.

Architektur in den Elbvororten

In den Zwanzigerjahren kamen in verschiedenen Gegenden Blauklinkerbauten dazu, die sogenannten Hamburger Kaffeemühlen. In der Mehrzahl sind diese quadratisch, manchmal bei großen Häusern aber auch rechteckig.
An der Front gibt es einen Erker, der häufig halbrund ist, darüber der Altan. Außerdem hat so ein Haus weiße Sprossenfenster sowie manchmal expressionistische Ornamente. Das Großbürgertum – Kaufleute, Reeder etc. – wohnte und wohnt teilweise noch immer in den großen Villen an der Elbchaussee oder in der Villenkolonie Hochkamp.  Viele der  Villen wurden allerdings mittlerweile in Eigentumswohnungen aufgeteilt.
Auch in Blankenese gibt es vereinzelt sehr große Häuser und Grundstücke. Aber im Treppenviertel, das jedem immer sofort einfällt, sind die Grundstücke notgedrungen klein und dicht bebaut.
In den Randgebieten der Elbvororte ist dann alles etwas schlichter. Man sieht normale Einfamilien- oder Reihenhäuser, die man auch in anderen Stadtteilen findet.

Das Leben in den ElbvorortenEine imposante Villa: Das Goßlerhaus in Blankenese. Foto: Marie

Die Elbvororte weisen eine vielseitige Bebauung auf, die im 2. Weltkrieg unbeschädigt blieb.

  • Klassizistische Landhäuser in Blankenese, Dockenhuden und Klein-Flottbek
  • Großbürgerliche Villen ab 1890 in allen Elbvororten
  • Bauernhäuser in Nienstedten
  • Fischer- , Kapitäns- und Lotsenhäuser im Blankeneser Treppenviertel
  • Die vor dem 1. Weltkrieg entstandene Villenkolonie Hochkamp
  • Backsteinbauten des Heimatstils und der Reformarchitektur der 20er Jahre. Ganz typisch sind die sogenannten Hamburger Kaffeemühlen.
  • Reihenhausbebauung aus der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart

Das Leben in den ElbvorortenAlte Landarbeiterhäuschen in Klein-Flottbek. Foto: Marie

Leben in den Elbvororten

Die Elbvororte gehören zu den wohlhabendsten Teilen Hamburgs, aber es leben hier auch Normalverdiener. Man  demonstriert seinen Wohlstand nicht. Man ist wertkonservativ und zunehmend ökologisch bewusst. Es gilt immer noch das Motto Weniger ist Mehr. Alles ist eher gediegen und unaufdringlich.
Bemerkenswert ist auch, dass die Elbvororte in vielen Gegenden ganz „normal“ sind. Leider hält sich das hartnäckige Vorurteil, dass wirklich alle Bewohner in großen Häusern wohnen und SUVs fahren. Die SUV-Dichte ist hier zwar tatsächlich sehr hoch. Bevorzugte Farben sind selbstverständlich Schwarz und Dunkelblau. Auch hier gilt: bloß nichts Extravagantes. Aber es wird auch viel Fahrrad gefahren, sogar zum Arbeitsplatz.
Eigentlich zeichnet sich die Gegend durch eine gewisse Bodenständigkeit aus. Es geht einem gut, wenn man hier wohnt. Und das weiß man auch und schätzt es.

Das malerische Treppenviertel in Blankenese. Foto: Marie

Lebenseinstellung

Das richtig große und alte Geld gibt es natürlich, aber es ist nicht unbedingt auf den ersten Blick zu erkennen.
Es gibt auch neureiche Auswüchse, aber die sind nicht häufig.
Die Bewohner der Elbvororte sind in allem sehr zurückgenommen. Das entspricht auch der norddeutschen, protestantischen Mentalität. Demonstrativer Reichtum ist verpönt.
Familien mit drei oder vier Kindern sieht man häufiger als sonst wo. Kindermädchen und Haushälterinnen finden in den Elbvororten noch immer Arbeitsstellen.
Die jüngeren Frauen sind wie überall teilweise berufstätig, aber Familienpausen werden auch gern eingehalten. In den etwas älteren Generationen wurde zwar auf ein Studium bzw. eine gute Ausbildung Wert gelegt, aber nach der Familiengründung man blieb in der Regel zu Hause.

Einrichtung der Häuser

Die Einrichtungen in den Häusern und Wohnungen sehen im wesentlichen so aus wie bei Marie selbst.  Man wohnt gediegen und häufig englisch inspiriert mit viel antikem Mobiliar (Englisch oder Biedermeier), mit deckenhohen Bücherwänden (gern in Weiß), mit Kunst und alten Stichen an den Wänden. Bei Jüngeren, die in den Elbvororten leben, sind Mid-Century Möbel und dazu passende Wohnaccessoires beliebt.

Das Leben in den ElbvorortenEine wunderschöne Jugendstilvilla in den Elbvororten. Foto: Marie

Kleidung in den Elbvororten

Understatement zeigt sich auch in der Kleidung. Sie ist eine Mischung aus Sloane Ranger, Preppy und ein wenig Landadel. Wichtig ist vor allem die gute Qualität.
Im Herbst und Winter sieht man viel Tweed, Cord und durable Wollstoffe. Man hat eine kollektive Neigung für Barbour, Burberry und Timberlands. Man sieht übrigens auch Lodenmäntel, gern in Jägergrün.
Im Sommer trägt man Chinos in allen Farben, Polohemden (gerne mit hochgestelltem Kragen), Pullover über den Schultern, Bootsschuhe und farbige Socken.
Gestreifte Hemden, Blusen, schlichte Hemdblusenkleider und Ballerinas sind sozusagen Uniform.
Janker und blaue Blazer sind ebenfalls beliebt, letztere auch bei Abendveranstaltungen. Marken werden nicht demonstrativ zur Schau gestellt. Was gar nicht geht, sind Leo-Prints. Das irritiert jeden traditionellen Elbvorortler. So läuft man einfach nicht herum! Schlabbrige T-Shirts und Glitzerkram bleiben auch besser anderen Gegenden vorbehalten.

Schmuck

Der Schmuck ist stets dezent. Hauptsächlich trägt die Dame aus Blankenese Perlenkette und Perlenstecker, dezenten Goldschmuck und teure Uhren. Aber man meidet das, was auf den ersten Blick auffällt und protzig ist. Bevorzugte Metalle sind Platin oder Weißgold.

Schulen in den Elbvororten

In den Elbvororten gibt es eine große Auswahl erstklassiger Gymnasien, von humanistisch bis bilingual. Dazu finden sich die Internationale Schule, mehrere Privatschulen sowie eine Waldorfschule.
Internate sind also nicht zwingend notwendig.

Das Leben in den ElbvorortenSind die blau umrahmten Türen im Treppenviertel nicht einfach zauberhaft? Foto: Marie

Wo verbringt man seinen Urlaub?

Die Frühjahrsferien verbringt man gern in Lech am Arlberg zum Schifahren.
Nach Sylt fährt man, wann immer man Zeit hat, da die Nordseeinsel von Hamburg ziemlich schnell erreichbar ist. Ansonsten sind die Reiseziele hier vielfältig wie überall.
Eigene Ferienhäuser und -wohnungen sind nicht ganz selten.

Gesellschaftsleben

Man kennt sich häufig aus der Schule, den Sportvereinen und den Kirchen. Geschlossen sind die Kreise nicht, aber man bleibt wie eigentlich überall eher unter sich. Das ist in vielerlei Hinsicht ja auch einfacher. Grundsätzlich zeigt man sich aber aufgeschlossen. Sportmöglichkeiten sind vielfältig. Es gibt zwei Segelclubs, Tennisplätze, einen Golfplatz und Reitvereine, sowie einen Polo-Club, in dem man neben Polo auch Hockey spielen kann.
Der Freizeitwert in den Elbvororten ist sehr hoch. Es gibt sehr viele Parks, den Strand, die Elbe, die Feldmark in dem noch immer dörflichen Sülldorf (grenzt an Blankenese), Wald und Heidegebiete.

Das Leben in den ElbvorortenMan beachte den Fisch! Treppenviertel in Blankenese. Foto: Marie

Zusammenfassung

Die Bewohner der Elbvororte sind keinesfalls nur Oberschicht, sondern überwiegend obere Mittelschicht. Man findet sehr viel Bildungsbürgertum. Dies geht dann nicht zwingend mit hohen Einkommen einher. In Blankenese gibt es einige Familien, die hier seit Generationen leben und deren Vorfahren Kapitäne, Lotsen oder Fischer waren. Das hat noch immer Bedeutung. Man erbt mit ein wenig Glück die Häuser, die die Familie schon immer bewohnte, hat aber nicht unbedingt einen Beruf, der viel Geld einbringt. Somit kann es eine Herausforderung sein, diese Häuser zu erhalten.

Das Leben in den Elbvororten kann man jedenfalls nicht mit anderen gutsituierten Gegenden in Hamburg gleichsetzen. In Hamburg hat überhaupt jedes Quartier einen eigenen Lebensstil und sehr spezielle Merkmale. Für Prominente lebt es sich hier sehr angenehm, weil alle so unaufgeregt damit umgehen. Mehr als Geld zählt hier übrigens eindeutig die Verhaltensweise. Es  ist sehr viel Understatement im Spiel. Alles wird sehr selbstverständlich gelebt, was es hier so angenehm macht.

Fischerhäuschen in Blankenese. Foto: Marie

Liebe Marie, ich danke dir sehr herzlich für die tollen Informationen, die du uns hier gegeben hast! Das Leben in den Hamburger Elbvororten muss traumhaft sein! Ich könnte mich gar nicht entschieden, was mir besser gefällt: die klassizistische Villa, ein zauberhaftes Fischerhäuschen, ein Kapitänhaus im Treppenviertel oder eine imposante Hamburger Kaffemühle – alles hat seinen eigenen Charme!
Liebe Leserinnen, kennt ihr Hamburg bzw. die Elbvororte? Was sind eure Erfahrungen?

Das könnte dir auch noch gefallen:

Schreibe einen Kommentar