Das Puppenhaus: Traum von kleinen Mädchen und großen Sammlern

von Countess Claire

Früher durfte ein Puppenhaus bzw. eine Puppenstube in keinem Mädchenzimmer fehlen, heute werden die hübschen Kunstwerke aus Holz zum Teil von ebenfalls nett anzusehenden Häusern aus Plastik abgelöst. Lego, Playmobil und co. haben natürlich ihre Berechtigung, sind sie doch robust und widerstandsfähig, die Herzen höher schlagen lässt aber sicher ein Stück, gefertigt in liebevoller Kleinarbeit: das Puppenhaus.

Puppenstuben gibt es seit dem 16. Jahrhundert, das älteste bekannte wurde 1558 für Herzog Albrecht V. von Bayern erbaut. Ein weiteres bekanntes Puppenhaus und zugleich das größte der Welt, ist das prachtvolle Queen Mary’s Dollhouse. 1500 Handwerker benötigten ab 1921 drei Jahre, um es fertigzustellen, heute ist es im Schloss Windsor zu besichtigen. Die 1876 geborene Queen Mary, die Gemahlin von König Georg V. und Großmutter der Queen, bzw. ihre Cousine, Prinzessin Marie Louise, konnten den namhaften Architekten Sir Edwin Lutyens dazu gewinnen, ein Modell einer „zeitgemäßen“ Luxusvilla zu entwerfen.

Das „Geschenk des britischen Volkes an seine Königin“ sollte die besten und modernsten britischen Waren und Einrichtungsgegenstände der Epoche zeigen. In der Garage findet man Modellversionen etwa von Daimler und Rolls-Royce. Die bemerkenswerte Detailgenauigkeit sieht man zB. bei den Klospülungen – sie funktionieren wirklich, und ebenfalls die Lifte. Rudyard Kipling und Sir Arthur Conan Doyle verfassten die Texte für die Bücher der Puppenhausbibliothek, bekannte Maler stellten Miniaturbilder zur Verfügung. Das ganze Haus dokumentiert den konservativen Geschmack der britischen Upper Class, da es nicht der Moderne der Zwanzigerjahre, sondern der Belle Epoque nachempfunden ist.

Puppenhaus

Dieses Sammlerstück gibt es als Bausatz bei Minimundus zu erwerben. Seit 35 Jahren werden dort wunderschöne Stilmöbel- und Puppenhausbausätze hergestellt.

Diese Kunstwerke waren allerdings reine Schaustücke bzw. Repräsentationsobjekte für Erwachsene, eventuell noch Anschauungsobjekte für Kinder, im 17. und 18. Jahrhundert ließen reiche deutsche Patrizierfamilien ihre Häuser im Kleinformat nachbauen, um ihren Wohlstand zu zeigen.

Im Biedermeier fanden sich dann aber die ersten richtigen Puppenstuben nach dem Vorbild von Wohnungen des gehobenen Bürgertums für Mädchen, um sie schon früh auf ihre spätere Aufgabe als Hausherrin vorzubereiten. Es gab sowohl einzelne Räume, beliebt waren Salon und die Küche, selbstverständlich voll ausgestattet, Kaufmannsläden, als auch ganze Häuser, die industriell hergestellt wurden. Allerdings baute man die Puppenhäuser früher oft nur kurz vor Weihnachten zur Bescherung auf und räumte sie nach einiger Zeit wieder weg. Heutzutage findet man alte Exemplare in Spielzeugmuseen oder auf Sammlerbörsen.

Die meisten Häuser weisen einen Maßstab von 1:12 auf und sind entweder vorne offen oder zumindest aufklappbar. Möbel, Tapeten, Parkettböden, Teppiche, Gemälde, Vorhänge, Puppen und vieles mehr müssen in liebevoller Kleinarbeit aufeinander abgestimmt werden, was sicherlich eine große Herausforderung ans handwerkliche Geschick ist, aber auch das Wissen um Traditionen, Stil und Kultur fördert. Ein Hoch auf’s Puppenhaus!

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Ein wunderschönes Puppenhaus in Museumsqualität ist das Astolat Dollhouse Castle. Photo © Dr. Michael and Lois Freeman

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Detailgetreu und stilverliebt: Das Chippendale-Esszimmer von Minimundus.

Habt ihr ein Puppenhaus oder könnt euch dafür begeistern?

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18 Kommentare

Carina 2. Juli 2015 - 09:44

Liebe Countess,
ein herrlicher Beitrag. Ich selbst habe ein Puppenhaus von meinem Großvater geschenkt bekommen. Er hatte alles selber gemacht. Er hat sogar die Kücke gefliest. Jeder Raum hat einen anderen Boden und eine anderen Tapete. Außerdem gibt es in allen Räumen elektrisches Licht. Dieses Puppenhaus war das tollste und schönste Weihnachtsgeschenk, dass ich je bekommen habe. Er muss das ganze Jahr hunderte von Stunden daran gearbeitet haben. Kein Geschenk aus dem Laden (Game Boy, Kinderwagen,..) konnte es dagegen aufnehmen.
Jetzt ist mein Großvater tot und ich kann mir keine schönere Erinnerung an Ihn vorstellen.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.
Carina

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Countess Claire 2. Juli 2015 - 10:29

Liebe Carina,
Vielen Dank für Ihren Kommentar! Da haben Sie ja ein großartiges Erinnerungsstück an Ihren Großvater, ich kann nachvollziehen, dass es Ihnen das liebste Spielzeug war und Sie es noch immer in Ehren halten. Dies sind eben Geschenke, an die man sich immer erinnert und die nicht irgendwann in der Versenkung verschwinden oder zum Plastikmüll kommen.
Ihnen auch einen schönen Tag und liebe Grüße,
Claire

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Miss Kate 2. Juli 2015 - 09:49

Liebe Claire,

Puppenhaus – ganz klar ein Mädchentraum!

Selber hatte ich eines aus Holz, sehr offen zu den Seiten, mit einem gigantischen Dachboden. Ausgestattet war es mit einer Unterart vom Tiroler Berghüttencharme (wieso meine Eltern sich das Interieur ausgesucht hatten, weiß ich bis heute nicht; im Herzen Westfalens erwartet man eher Gelsenkirchener Barock…)
Nachhaltig beeindruckt hat mich allerdings in der Einrichtung ein Spitzenklöppelständer (wie auch immer man das nennt), ganz elegant mit einem Stück handgeklöppelter Spitze in Puppengröße! Meine Puppen waren jedoch so klein und sahen eher aus wie Nostalgiepuppen der Kinder, die vom Größenverhältnis eigentlich in dem Haus wohnen sollten.
Die beiden Kleinen saßen immerzu elternlos auf ihrem Almstühlen und diskutierten darüber, wer von ihnen die Spitze weiter klöppeln sollte. Und eines schönen Tages ist eine Bärenfamilie in das fast verwaiste Haus am Waldesrand eingezogen…
Als begeisterte wenn auch völlig unterbeschäftigte Hausmodellbauerin (nein, nicht die Sorte für Eisenbahnlandschaften, Architektur!!), habe ich mir vorgenommen, einmal ein großartiges Puppenhaus zu bauen, im „Georgian Style“, für meine noch nicht vorhandene Tochter, naja, und ein wenig auch für mich selbst!

Herzlichst,

Kate.

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Countess Claire 2. Juli 2015 - 10:44

Liebe Kate,
Das ist ja lustig, eine wirklich äußerst ungewöhnliche Wahl für ein deutsches Puppenhaus, gut, dass jetzt die Bärenfamilie drin wohnt ;-)
Ich habe auch ein altes Puppenhaus, welches ich in Ehren halte, und das in ein paar Jahren auch wieder bespielt werden kann (für kleine Mädchenhände ist derzeit noch alles zu filigran). Allerdings ist das ja schon „fertig“, und mich reizt es auch sehr, ein neues anzuschaffen und es in liebevoller Kleinarbeit einzurichten, Tapeten, Möbel etc. auszusuchen, aber ich scheue noch ein bisschen davor zurück. Man braucht ja nicht nur Stilsicherheit, Zeit, den Blick für’s Schöne (das alles sollte nicht so ein großes Problem darstellen), sondern vor allem handwerkliches Geschick! Nun ja… ;-)
Hm, ich habe fast das Gefühl, das Haus, das wir uns da vorstellen, wird ein wunderschönes Sammlerstück für uns selbst ;-) Mir schwebt eins im viktorianischen Stil vor.
Liebe Grüße,
Claire

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Susi 2. Juli 2015 - 21:39

Liebe Claire, auch ich liebe Puppenhäuser. Als kleines Mädchen war ich einmal im Puppenmuseum in Überlingen am Bodensee, seit damals habe ich mir ein Puppenhaus gewünscht. Aus Platzgründen habe ich leider nie eines bekommen. Meine Tochter hat ein „Sylvanian Families Haus“, das ist zwar auch aus Plastik, aber die Einrichtung und die drin wohnenden Tierfamilien sind wirklich lieb. Jetzt spiele ich „auf meine alten Tage“ sehr gerne damit! Liebe Grüße, Susi

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Countess Claire 3. Juli 2015 - 09:13

Liebe Susi,
Die Sylvanians kenne ich, die sind so süß! Das Haus haben wir zwar nicht daheim, aber dafür ein paar von den Figuren :-)
Liebe Grüße,
Claire

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Amalia 3. Juli 2015 - 11:23

Liebe Claire,
als ich so sieben oder acht Jahre alt war, habe ich mit meinen Eltern das wunderbare Puppenhaus von Queen Mary besichtigt. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich aus dem Staunen gar nicht wieder herauskam. Aber damals wußte ich auch nicht, dass das im Grunde kein Spielzeug ist, sondern eine Form der höfischen Inszenierung von ‚best of British‘.
Ich selbst hatte ein skandinavisches Puppenhaus, dessen Mobiliar jedoch von verschiedenen Urlaubsreisen, insbesondere nach Italien, mitgebracht war. Danke für diesen anregenden Beitrag – ich glaube, meine Mädchen brauchen so etwas auch! :)
Liebe Grüße
Amalia

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Countess Claire 4. Juli 2015 - 19:39

Liebe Amalia,
Freut mich, dass ich dich inspirieren konnte ;-)
Liebe Grüße,
Claire

Reply
Caro 3. Juli 2015 - 14:09

Liebe Claire
Tolles Thema!! Auch ich hatte mal ein Holzpuppenhaus und habe viel Zeit daran verbracht. Ich weiß bloß irgendwie nicht mehr, wie die Figuren aussahen, das Haus dagegen, da kann ich mich noch sehr gut daran erinnern. Wenn ich mal eine Tochter haben sollte, bekommt sie auch eins.
Ich wünsche dir ein schönes Wochenende :)

Reply
Countess Claire 4. Juli 2015 - 19:40

Danke, das wünsche ich dir auch, liebe Caro!

Reply
Sophie 3. Juli 2015 - 18:07

Liebe Claire,

Auch ich finde Puppenhäuser aus Holz schöner. Meine Töchter haben ein sehr schlichtes, dreistöckiges Puppenhaus. Sie gehen allerdings noch sehr robust damit um, da sie erst 4 und bald 2 Jahre alt sind. In ein paar Jahren werden sie sich sicher intensiver damit beschäftigen. Wir könnten Vorhänge nähen, tapezieren, Teppich weben usw.
Ein Puppenhaus ist eine tolle Basis, um sich auch mit unterschiedlichen Einrichtungsstilen bekannt zu machen, so wie mit dem viktorianischen oder edwardianischen Stil. (Auch hier muss ich wieder an die Schriftstellerin Donna Tartt denken, allerdings an ihren „Distelfink“. Der Restaurator Hobie wird am Ende des Romans einen bemerkenswerten Satz über die Schönheit sagen.)

Liebe Grüße,
Sophie

Reply
Amalia 4. Juli 2015 - 00:19

@ Sophie: …allerdings pflegt der Restaurator Hobie jenseits seines Antiquitätenhandels auch einen bemerkenswerten Umgang mit Stil-Möbeln (da kann man als junge Bastlerin noch etwas lernen)! ;)
Liebe Grüße
Amalia

Reply
Countess Claire 4. Juli 2015 - 19:42

Liebe Sophie, liebe Amalia,
Jetzt habt ihr mich aber neugierig, gemacht, was das Buch betrifft!
Liebe Grüße,
Claire

Reply
Sophie 5. Juli 2015 - 10:16

Liebe Amalia, liebe Claire,

freut mich, dass Du auch den „Distelfink“ kennst, Amalia. Ein sehr dicker Roman, Claire, aber Du liest ja auch sehr gerne.
Man muss durch viele Tiefen waten, es gibt aber auch Lichtblicke, die Autorin hat ein gutes Gespür für Stil und für Kultur, zumindest kenne ich ihren ersten und letzten Roman, der mittlere hat mich nicht so sehr interessiert.

Liebe Grüße,
Sophie

Reply
Amalia 7. Juli 2015 - 11:30

@ Sophie: Auch wenn es völlig off topic ist (pardon, liebe Claire), ich habe den „Distelfink“ (ebenso wie damals die „Geheime Geschichte“) mit größtem Vergnügen gelesen, finde den Schluss aber sowohl von der Handlungsauflösung als auch von den ‚diskursiven‘ Passagen, die zu dem bemerkenswerten Satz über die Schönheit führen, zumindest diskussionswürdig, was aber auch den Reiz eines Buches ausmachen kann. Den „Kleinen Freund“ fand ich sowohl psychologisch als auch erzählerisch spannend, aber thematisch nicht so reizvoll wie die beiden anderen. Erinnerte mich ein wenig an die „Virigin Suicides“… – jetzt aber Schluss! ;)
Liebe Grüße
Amalia

Reply
Sophie 11. Juli 2015 - 15:02

Liebe Amalia,

gern würde ich Dir zum Thema Distelfink bzw. Donna Tartts Romane antworten. Da das Thema nicht zu dieser Seite paßt, könnte ich Dir mailen.

Liebe Grüße,
Sophie

Reply
Amalia 22. Juli 2015 - 10:03

Liebe Sophie,
das wäre sicher sehr anregend, jedoch fürchte ich, einen Mailwechsel über Literatur nicht angemessen ’stemmen‘ zu können. Glücklicherweise besitzt Claires Blog ebenso wie Marys Puppenhaus mehrere ‚Räume‘ – vielleicht können wir ja demnächst einmal on topic in Claires Bibliothek ein paar Gedanken austauschen?
Liebe Grüße, Amalia

Reply
Sophie 23. Juli 2015 - 19:42

Liebe Amalia,

kann ich nachvollziehen, Mailposts über Literatur sind nicht gerade ideal.
Gern können wir uns bei passenden Gelegenheiten austauschen.

Liebe Grüße,
Sophie

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