Die Erfindung von Alice im Wunderland: Peter Hunt

von Countess Claire

Vor genau 150 Jahren erschienen die beiden Kinderbücher „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“. Peter Hunt, emeritierter Professor für Englische Literatur und Kinderliteratur an der Universität Cardiff,  gratuliert dazu mit dem wunderschön illustrierten Band „Die Erfindung von Alice im Wunderland. Wie alles begann“.

Und wer von euch kennt „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll, oder eigentlich Charles Lutwidge Dodgson, nicht? Ich war in meiner Kindheit verzaubert von den phantastischen Abenteuern der kleinen Alice, die in einen Kaninchenbau fällt und im Wunderland wieder aufwacht. Die rote Königin, die Herzogin, der verrückte Hutmacher, die Grinsekatze, die Spielkarten-Soldaten – unvergessen! Sie alle haben mich in meiner Kindheit in den Büchern und diversen Verfilmungen begleitet.

die erfindung von alice im wunderland
Alice taucht hinter den blauen Vorhang ab und wir in das geöffnete Buch.

Entstehung der Alice-Bücher

Peter Hunt erzählt, wie die berühmten Nonsens-Romane entstanden und ihren Siegeszug um die ganze Welt antraten. Hunt erkennt in den Alice-Romanen einen Meilenstein der Kinderliteratur. In „Die Erfindung von Alice im Wunderland. Wie alles begann“ erklärt er ihren überraschenden Erfolg.

Dieser hat zu einem Teil damit zu tun, dass Charles Dodgson mit seinen Werken die Phantasie der Kinder beflügeln wollte. Andere Kinderbücher der damaligen Zeit verfolgten schließlich eine klare moralische und erzieherische Absicht. Sie enthielten quasi „Schreckenswarnungen“. Weiters boten die Alice-Bücher für Dodgson auch eine Möglichkeit, Karikaturen verschiedener Persönlichkeiten sowie politische Satire unterzubringen.

Peter Hunt entdeckt also die Vorbilder hinter den Protagonisten. Die richtige Alice war zum Beispiel nicht blond und langhaarig, sondern trug einen kurzen braunen Bob. Darüber hinaus erzählt er viel über Dodgson, den exzentrischen Oxford-Mathematiker und seine Gefühlswelt. Dieser erfand die Abenteuer der kleinen Alice übrigens eher beiläufig bei einer Bootsfahrt auf der Themse.

Außerdem gibt es in den Alice-Büchern kaum einen Satz, der nicht mehrere Bedeutungen, verborgene Scherze und versteckte Anspielungen auf intellektuelle und persönliche Ereignisse enthält. Hunt entschlüsselt sie gekonnt. Man findet aber auch reine Spekulationen, beispielsweise Versuche, bestimmten Szenen eine politische Bedeutsamkeit zu geben, die sie vielleicht gar nicht hatten.

Die Erfindung von Alice im Wunderland
Links die kleine Alice Liddell im Kreise ihrer Geschwister.

Kritik an „Die Erfindung von Alice im Wunderland. Wie alles begann“

„Die Erfindung von Alice im Wunderland. Wie alles begann“ ist eindeutig ein Sachbuch. Fast schon kann man es eine wissenschaftliche Abhandlung mit unzähligen Quellenangaben, Klammern, Einschüben und Schachtelsätzen nennen. Daher ist es mitunter recht schwierig, den Ausführungen und Interpretationsversuchen Peter Hunts zu folgen. Es ist hilfreich, die Alice-Bücher mehrmals gelesen und zusätzlich Kenntnisse der englischen Literatur der viktorianischen Ära zu haben. Andernfalls sind Verweise auf andere Kinderbücher der damaligen Zeit schwer zu verstehen.

Lange Sätze und ein anspruchsvoller Schreibstil sollten kein Problem darstellen, wenn es im Buch einen roten Faden gibt, an dem man sich orientieren kann. Dieser fehlt hier aber ganz eindeutig. Der Autor verfügt über ein enormes Hintergrundwissen, das er dem Leser nahebringen möchte. Allerdings überfordert die schiere Fülle an Informationen. Das Buch liest sich nicht flüssig. Die Ursache dafür liegt auch in einem Mangel an einer nützlichen Einteilung, etwa

  1. Biographie von Charles Dodgson
  2. Wie lebte man im viktorianischen Oxford?
  3. Wer war Alice Liddell? Welche anderen Vorbilder für die Romanfiguren findet man?
  4. Welche Anspielungen auf die damalige Zeit gibt es? Was ist Wahrheit, was rein fiktiv?

Peter Hunt hat sich allerdings für eine weniger aussagekräftige Unterteilung entschieden:

  1. Charles und Lewis
  2. Vorwort
  3. Zwei Männer und drei Mädchen in einem Boot
  4. Vor Alice
  5. Was Alice wusste
  6. Die Außenwelt von Charles Dodgson
  7. Das Innenleben von Charles Dodgson
  8. Von Oxford hinaus in die weite Welt

Leider muss ich sagen, dass das Buch „Die Erfindung von Alice im Wunderland. Wie alles begann“ meine Erwartungen nicht erfüllt hat. Unnötig kompliziert geschrieben, ist dieses umfangreiche Elaborat des Universitätsprofessors Peter Hunt keine unterhaltsame Lektüre, da ihr eine vernünftige Gliederung fehlt.

Die Erfindung von Alice im Wunderland
Erinnert ihr euch auch an das Kinderlied „Humpty Dumpty sat on a wall“?
In der deutschen Ausgabe ist Humpty Dumpty übrigens der Goggelmoggel.

Aufmachung des Buchs

„Die Erfindung von Alice im Wunderland“ wird allerdings durch das schöne Cover sehr aufgewertet. Alice schaut hinter den blauen Vorhang, der Leser öffnet das blaue Buch.

Die unvergleichlichen Zeichnungen John Tenniels inspirieren sicher den einen oder anderen, die alten Alice-Kinderbücher wieder hervorzuholen und etwas zu schmökern. Dodgsons eigene Skizzen und die Fotos von Alice und weiteren Zeitgenossen sowie Bilder des viktorianischen Oxfords runden das Gesamtbild ab.

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