Frage an Claire: Ist Nähen ladylike?

von Countess Claire

In der Rubrik „Frage an Claire“ könnt ihr mir jederzeit Mode-, Stil- oder Kniggefragen stellen, die ich gern beantworten möchte, hier geht’s lang! Eine liebe Leserin stellt mir heute die Frage, ob Nähen eigentlich ladylike ist.

Hallo Claire

Zuerst einmal will ich dir ein großes Kompliment für deinen Blog aussprechen, ich finde ihn wirklich gut.

Vor kurzem hast du dir einen Rock genäht – auch der ist wunderschön! Aber ich bin nicht ganz sicher, ob das Nähen zu dir passt. Ist Nähen ladylike? Eigentlich doch nicht so sehr, oder? Es hat für mich was Spießiges. Ich wundere mich ein bisschen, ob eine Dame von Welt wirklich so ihre Zeit verbringen sollte.

Da ich jetzt aber sehe, dass das mit dem Nähen momentan ein großer Trend ist und alle hier auf Instagram und verschiedenen Blogs, die ich lese, hübsche Sachen fabrizieren, habe ich überlegt, ob ich auch damit beginnen soll. Aber wie schon gesagt, irgendwie kommt es mir nicht ganz so „fein“ vor.

Über deine Einschätzung würde ich mich sehr freuen, bis dahin alles Liebe,

Heidi

Liebe Heidi,

Zunächst einmal vielen Dank für deine Anfrage, wobei ich mir nicht ganz sicher war, ob du sie positiv gemeint hast. Ich habe mich aber entschieden, deine Worte und die Dame von Welt als Kompliment zu nehmen und mich darüber zu freuen!

Ja, tatsächlich habe ich mir vor einiger Zeit eine Nähmaschine zugelegt und bin mittlerweile am zweiten Rock dran. Über meine Erfahrung mit dem Schneidern meines ersten Werks habe ich euch schon hinlänglich berichtet. (Hier auf Mein Toile de Jouy Rock in Hellbrunn könnt ihr gern nachlesen, falls ihr den Artikel noch nicht kennt.) Ich habe darauf sehr viel Zuspruch auf Instagram bekommen, und ich muss zugeben, dass ich schon ein bisschen stolz bin, es geschafft zu haben, den Rock fertigzustellen – wenn auch mit Hilfe auf den letzten paar Metern.

Ist Nähen ladylike?

Ich finde ja, grundsätzlich ist das Nähen eine neutrale Tätigkeit und hat nichts mit der Einteilung ladylike-nicht ladylike zu tun, ähnlich wie zum Beispiel Schwimmen, Autofahren oder Lesen. Im Artikel Frage an Claire: Was ist eigentlich eine Dame? kannst du noch ein bisschen weiterlesen.

Trotzdem verstehe ich deinen Punkt, denn historisch gesehen näht eine Dame vielleicht nicht. Früher war es ja so, dass einfache Näh- und Flickarbeiten vom Personal ausgeführt wurden. Feine Stickereien hingegen wurden gern als Zeitvertreib von der Dame des Hauses und ihren Töchtern angesehen und auch entsprechend gefördert. Wieviele Gemälde kennen wir alle, auf denen Adelsdamen in prächtigen Kleidern am Stickrahmen oder bei einer anderen Handarbeit sitzen!

Allerdings denke ich, dass sich die Einstellung zu etwas Handgemachtem beziehungsweise Selbstgemachten in letzter Zeit geändert hat. Während der Coronazeit im beginnenden Frühling 2020 haben viele von uns die Notwendigkeit erkannt, auch mal selbst etwas schaffen zu können. Ich zum Beispiel habe entdeckt, dass es ganz nützlich ist, nicht nur abgerissene Knöpfe wieder annähen zu können, sondern auch einen Saum wieder hochnähen zu können.

Nähen hat nichts mit Spießigkeit oder Antiquiertheit zu tun, sondern hauptsächlich mit Bodenständigkeit.

Aber von Kleidung mal abgesehen: Tanja von der Stilstück Manufaktur fertigt wundervolle Pochettes aus Seide, Tweed und anderen Stoffen. Sandra von Resailing stellt aus alten Segeln die schönsten Taschen und andere Accessoires her.

Ein anderer wesentlicher Aspekt, der für das Nähen spricht, ist, dass man selbstständig seine Wünsche umsetzen kann. Ich habe wirklich wunderbare Stoffe entdeckt. Leider findet man Röcke aus solch individuellen Stoffen nicht oft in Läden. Zudem gibt es in der Schweiz nicht wirklich den klassischen Schneiderbetrieb. Man findet Änderungsschneidereien, die nicht ganz so vertrauenserweckend wirken, und auf der anderen Seite tolle Couture-Ateliers, in denen man sich eine Anlassgarderobe schneidern lassen kann, sich mit einer Anfrage nach einem einfachen Rock aber ziemlich seltsam vorkommt.

Ist Nähen ladylike? Warum nicht? Früher allerdings wäre ich auch niemals auf die Idee gekommen, etwas zu nähen! Ich muss zugeben, ich mache es auch jetzt nicht so gern, sondern spiele lieber Klavier. Mein Nähtalent ist überschaubar, um es mal vorsichtig auszudrücken. Aber es hat mich einfach gereizt, mich ein bisschen mit der Nähmaschine auszukennen. Oberfaden, Unterfaden, Nähte steppen, du lieber Himmel! Sr. Rosnata und Sr. Maximiliane, die mir in der Schule Handarbeiten näherbringen wollten – bevor ich mich zur Nervenschonung aller für das Neusprachliche Gymnasium mit Latein, Französisch und Russisch entschieden habe – wären wahrscheinlich entzückt, was ihr ehemaliger Zögling da zaubert!

Also liebe Heidi, sei selbstbewusst und nähe, wenn du Lust darauf hast! Ich habe mir ja von meinen Kindern sagen lassen, dass das Geratter der Nähmaschine wunderbar entspannend ist. Und keine Angst, dies wird kein Nähblog!

Liebe Grüße,

Claire

Das könnte dir auch noch gefallen:

7 Kommentare

Daniela 11. September 2020 - 08:38

Liebe Heidi, liebe Claire,
selbstverständlich ist nähen ladylike.
Betrachten wir doch einmal die heutige Zeit.
Die elegante Lebensweise hat sich bei vielen Menschen verabschiedet.
Persönlich finde ich das unsäglich schade. Die Menschen kaufen sich meist Mode aus Massenproduktionen. Je billiger, (das Wort billig wähle ich bewusst), desto besser.
Wir leben aber auch in einer Zeit, in der Nachhaltigkeit ein starkes Thema ist.
Wir leben in einer Zeit, in der Menschen immer mehr vom Konsum verwöhnt sind und es verlernten, etwas mit der eigenen Hand zu schaffen. Wir leben aber auch in einer Zeit, wo wir wissen, dass viele Menschen, einschließlich Kinder für wenig Geld ausgenutzt werden um Mode für andere herzustellen. Ja, all dies unter unmenschlichen Bedingungen. Für mich persönlich ist es weniger ladylike, eines dieser Stücke zu kaufen und mit gutem Gewissen zu tragen, als mich selbst an die Maschine zu setzen und mir ein edles Stück zu nähen.
Es bedeutet nämlich ein stückweit auch, ich hebe mich bewusst von der Masse ab. Auf elegante Art und Weise. Ja, ich muss gestehen ein Großteil der Kleider meiner Tochter wurden von einer Schneiderin genäht. Hierfür gebe ich gerne Geld aus. Aber ich achte sehr darauf, dass meine Tochter wenig Kleider aus Massenproduktion hat. Diese billigen Ketten arbeiten zudem oft auchmit giftigen Farbstoffen.
Nun hatte ich mir vor Jahren überlegt, warum nicht selbst nähen?
Claire weiß, auf Instagram habe ich von einer dreisten Nachbarin berichtet, die dies als omihaft bezeichnet hat. Aber eben jene Nachbarin hat das auch mit dem Schachspiel getan, und läuft im Kaputzenpulli herum.
Gerne laut, ein No-go in unserem sonst wirklich feinen Viertel.
All dies ist für mich alles andere als ladylike.
Daher, nähe ich gerne? Oh ja! Denn es zeigt, dass ich in einer Zeit, in der andere ausgebeutet werden, um für wenig Geld anderen Menschen Mode zu machen, einen Weg gefunden habe dem zu trotzen. Es zeigt, dass ich bereit bin Mühe, Zeit, Kreativität und Disziplin in etwas zu investieren. Es zeigt, dass mir Nachhaltigkeit wichtig ist. Es zeigt, dass ich mir selbst nicht zu schade bin um etwas zu erarbeiten.
Übrigens fällt mir spontan Coco Chanel ein, die elegante Dame schlechthin.
Herzliche Grüße Daniela

Reply
Kate 11. September 2020 - 09:12

Liebe Claire, liebe Heidi,

auch ich bin im Coronasommer unter die Näherinnen gegangen, und schneidere mit Begeisterung meine Landpomeranzenchic-Röcke (immer das gleiche Schnittmuster weil einfach). Es hat den schlichten Grund, dass ich mir mit Stoffen nach meinem Gusto „theoretisch“ alles nähen könnte, was mir gefällt. Praktisch bin ich da eher beschränkt…
Jahrelang zuvor hatte ich meine Mutter damit behelligt, mir meine Röcke zu schneidern. Sie hat es früher in ihrer Freizeit gelernt und sich die modischsten Kleidungsstücke der 80er Jahre, die Burda herzugeben vermochte, selbst genäht.
In den Nachkriegsjahren haben sich die Frauen aus Kostengründen ihre Burdagarderobe geschneidert, daher kann ich das Image der „Kleinbürgerlichkeit“ ein Stück nachvollziehen, welches sich tatsächlich seitdem lange erhalten hat.
Wer selbst (noch) nicht das Nähen für sich entdeckt hat, wird vermutlich daran festhalten. Ich habe auch so gedacht.
Wenn man seinen Sprösslingen nicht gerade bunt bedruckte Pumphosen und passend dazu Schlabbermützen mit Feuerwehrautos näht (nein, das ist nicht niedlich!), sondern mit wertigen Stoffen zeitlose klassische Garderobe zaubert, ist meiner Meinung nach auf der stilsicheren Seite.

Ob Nähen ladylike ist – die Frage stellt sich mir nicht, es ist ein salonfähiges Hobby geworden, in dem die Kreativität gefordert und gefördert wird. (Frei nach dem Motto „Mir gehört die Welt“ bin ich übrigens inzwischen schon ganz mutig bei Handtaschen angekommen!)

Immerhin sitzt man mit zusammenstehenden Knien gerade vorne auf der Stuhlkante, nippt dazu an einem Tee, mehr Lady geht nicht!!

Allerherzlichst,
Kate

(kates_cottage.life.style)

Reply
Birgit 11. September 2020 - 10:33

Liebe Claire
Das „einfache Handwerk“ ziert jeden Menschen! Meine mütterlichen Vorfahren sind (5 Generationen) alle auf Schulen für „höhere Töchter“ gegangen (keine Angst… So fein sind wir gar nicht)
Es war immer wichtig, einem Angestellten evtl die Dinge auch beibringen zu können. Meine Geschwister und ich mussten z. B. auch Gäste angemessen bewirten. Das übt Bescheidenheit. Und man hat auf alle Fälle ausreichende Handfestigkeit für schlechte Tage. Außerdem ist Nähen ein wirklich schönes Hobby. Ich wünsche dir ganz viel Spaß damit!
Birgit Köster-Nicolas

Reply
Claudia 11. September 2020 - 11:09

Ich wünschte, ich könnte nähen. Leider bin ich da völlig talentfrei. Aber ich habe eine liebe Freundin, die wundervoll nähen kann …. und mich immer bestens bei “Sonderwünschen” versorgt. Herzlichen Gruß, liebe Claire

Reply
Sanne H. 11. September 2020 - 19:39

Oho, so viele Kommentare! Ein Reizthema…? Ich halte es dabei wie bei so vielen Aspekten mit meiner Familienhistorie: Ein Mädchen wurde auf einer Klosterschule dahingehend erzogen, auch in Notzeiten nach Verlust des Familienvermögens und ohne dienstbare Geister an ihrer Seite ihre Frau stehen zu können, wozu auch selbstverständlich das Nähen gehörte! Besides, erst wer nähen kann, ist heutzutage im Stande, der Schneiderin seines Vertrauens korrekte und intelligente Hinweise zu geben.
Was momentan auf Instagram en vogue ist, interessiert dabei herzlich wenig.

Reply
Melanie 14. September 2020 - 08:09

Ich interpretiere das Nähen als Synonym für viele Tätigkeiten (Wissenschaft, Hausarbeit und Handwerk inklusive), denen aktuell (wieder mal) das Attribut „ladylike“ abgesprochen wird und zitiere Schwester Walpurga, geschätzte „Reibefläche“ ihrer Schülerinnen:

Eine Dame tut, was in der Situation sinnvoll und notwendig ist und ist in Bezug auf ihr Tun dadurch gekennzeichnet, dass sie:
1. ein relativ breites Spektrum an Wahlmöglichkeiten und Kompetenzen hat hinsichtlich der Tätigkeiten selbst, sowie der Art und Weise, wie diese ausgeführt werden (gewährleistet durch Bildung und Ausbildung) und
2. dass sie ein relativ enges Spektrum an Wahlmöglichkeiten hat, was die ethisch-moralischen Grundlagen ihres Handelns betrifft (gewährleistet durch eine möglichst aufgeklärte, reflektierte „Herzensbildung“ abseits von starrer Konvention, Standesdünkel, Klischeedenken und Komfortzone; Stichwörter „Rolemodel“, „Advocacy“, „Leadership“, und vor allem: Verantwortung)

Die Kombination macht ´s aus , ob man ´s zur „feinen Dame“ oder zu einer „wahren Dame“ bringt (da it uns mit 17 das Lachen vergangen …).

Zur (Selbst-)Evaluierung hat sie uns gleich noch zwei Denkbeispiele mitgegeben:

• Elisabeth II hat in Zeiten von Krieg und durch Frauenarbeit kompensierten Arbeitskräftemangel LKWs repariert – damenhaft.
• Marie Antoinette hat in Zeiten von Ernteausfall und Hunger Schafe gehütet; allerdings solche mit roten Schleifchen und Silberglöckchen um den Hals – dämlich.

Also ja, ich schließe mich an: ran an die Nähmaschinen und Stricknadeln (Bandschleifer, Handkreissägen, Pflanzhölzer, Reagenzgläser, Programmieroberflächen, Mikroskope …) und das Beste damit machen, was jede grade kann: Masken nähen, nachhaltige Kleidung und Accessoires anfertigen, Upcyceln (Holzhochhäuser bauen, Biogemüse anbauen, Energiespeichermodule ohne seltene Erden erfinden, verträgliche Impfstoffe entwickeln, …). Die eigene Frau stehen eben (@sanne).

Und das, wenn ´s nach Schwester Walpurga geht, „mit Anmut und ohne Tamtam“.

Reply
Countess Claire 14. September 2020 - 15:22

Liebe Damen,
Es war mir eine riesige Freude, eure Kommentare zu lesen! Ich kann all euren Texten viel abgewinnen und schätze die rege Diskussion.
Liebe Grüße,
Claire

Reply

Schreibe einen Kommentar