Generation Biedermeier – Die Neospießer

von Countess Claire

Vor längerer Zeit wurde ich in Instagram auf einen Artikel im deutschen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ aufmerksam gemacht. Das Thema hat mich sofort gefesselt, geht es doch um die Generation junger Studenten, die einem allzu konservativen Lebensstil frönen und Traditionen hochhalten. „Neospießer“ eben.

Solltet ihr den Artikel noch nicht kennen, könnt ihr ihn hier finden: „Neue Bürgerlichkeit bei Studenten: Die Neo-Spießer

Countess Claire -_-2

Neospießer spielen Golf, gehen auf die Jagd und tragen Perlen.

Der Begriff Spießer

Gleich zu Beginn sollten wir einmal klären, was man unter dem Begriff „Spießer“ überhaupt versteht, dann haben wir die heute fällige Wissenslektion auch schon abgehakt. Also los geht’s: Laut Wikipedia bezeichnet man damit abwertend engstirnige Menschen, die sich durch geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen und Abneigung gegen jegliche Veränderung der gewohnten Lebensumstände auszeichnen. Da könnte man sich schon fragen, ob diese Definition nicht sogar auf so manchen sehr kritischen Journalisten zutrifft. Aber das wollen wir an dieser Stelle als wohlerzogene Person tunlichst vermeiden.

Im Mittelalter waren Spießer bzw. Spießbürger die ärmeren bürgerlichen Einwohner einer Stadt, die diese mit dem Spieß als Waffe verteidigten. Den Spieß konnte man günstig herstellen und setzte ihn in ernsten Begegnungen gegen adelige Ritterheere wirkungsvoll ein. So waren Bauern und Bürger in den Bauern- und Hussitenkriegen gegenüber der aus dem Adel stammenden Kavallerie oft überraschend siegreich. Hier kann man somit noch nichts Schlechtes erahnen. Im Gegenteil: Ursprünglich gebrauchte man die Bezeichnung Spießbürger durchaus positiv, war doch der Dienst zur Verteidigung ehrenhaft.

Später kam es jedoch zu einer Abwertung des Begriffs. In einem Wörterbuch aus dem 18. Jahrhundert wird vermutet, dass nur die Ärmsten und Untauglichsten zu Spießbürgern wurden, die reichen Leute jedoch in der Kavallerie besser aufgehoben wären.

Für den Großbürger und Kommunisten Karl Marx, der übrigens mit der aus Briefadel stammenden Jenny von Westphalen verheiratet war, waren Spießer die niederen Kleinbürger, denen er vorwarf, mit den noch tiefer stehenden Proletariern kein Bündnis gegen Großbürgertum und Adel eingehen zu wollen.

Spießer heute

Und heute? Engstirnigkeit, Obrigkeitshörigkeit, geistige Unbeweglichkeit, aber auch ausgeprägtes Schubladendenken zeichnen den Spießer aus. Äußerlich erkennbar durch Plüschtiere im Fenster, Krawatte mit „lustigem“ Motiv, den Gartenzwerg im penibel gepflegten Vorgärtchen, die gehäkelte Klopapierhaube mit Bommelchen hinten im Auto (obwohl dies eine Zeitlang als retro gegolten hat), Wohnwand in Buche Furnier, geblümtes Ecksofa mit Schondecken und Plastiktischdecke überm Esstisch. Dass ich die „Lindenstraße“ im TV gesehen habe, ist lange her. An die treu sorgende, brave Mutter Beimer in ihrer kleinbürgerlichen, zunächst noch heilen Welt erinnere ich mich aber bis heute.

Mit all diesem Wissen sind wir nun bestens für den Spiegel-Artikel gerüstet: Dass viele Studenten traditionelle Interessen haben, lieber Golf spielen als ein Rockfestival zu besuchen, mittlerweile Lokale mit Kronleuchtern, goldenen Spiegeln und edlen Dielen wieder en vogue sind, mag zutreffend sein. Die 68er-Revoluzzer-Studenten von damals haben sich etabliert, alles ist erlaubt, wenig muss noch erkämpft oder erstreikt werden.

Interessant habe ich einen Kommentar zu genanntem Artikel gefunden, der zusammengefasst folgende Erklärung bietet: Aufgrund der Verrohung der Unterschicht würde man versuchen, das Oberschichten-Verhalten zu imitieren.

Trendwende

Zu erläutern, warum es diese Trendwende gegeben hat, würde den Rahmen dieses Posts sprengen, ist aber hier zumindest im Ansatz aus soziologischer Sicht skizziert („Eine soziologische Betrachtung – Warum kleiden wir uns wie? – Teil 1“ bzw. „Eine soziologische Betrachtung – Warum kleiden wir uns wie? – Teil 2. Gab es überhaupt eine Trendwende oder existierten schon immer viele verschiedene Gruppierungen, auch unter den Studenten? Das Wesentlich ist aber, dass der Begriff
Neospießer hier jedoch meiner Meinung nach unpassend ist. Leider scheint es so, dass die Autorin nicht auf Wikipedia gelinst hat.

Neospießer gehen auf die Jagd.

Die Jagd polarisiert zweifellos, wer nicht damit aufgewachsen ist, wird diese vermutlich eher ablehnen. Kauft man Fleisch aus Massentierhaltung beim Billigdiskonter? Vermehrt man den Bestand von Wildtieren mit der Absicht, möglichst viele erlegen zu können? Interessiert es einen wirklich, ob das Kälbchen für’s Schnitzel artgerecht und mit Alpenblick bis zum Bolzenschuss gelebt hat? Diese Fragen muss jeder für sich beantworten, doch spießig ist die Jagd sicherlich nicht. In früheren Zeiten gehörte sie zum Privileg des Adels. Heute macht man nach einem zweiwöchigen Kurs seine Jadgprüfung, deren Lehrstoff ähnlich umfangreich wie die Matura ist („Grünes Abitur“. Bei Bestehen bekommt man den Jagdschein und los geht’s.

Neospießer bevorzugen Bars und Studentenclubs, die altmodisch eingerichtet sind.

Nicht jeder schätzt den Bauhausstil, kühle Räume mit viel Glas und Beton, möglichst spärlich eingerichtet. Geschmäcker sind, genauso wie bei der Wahl der Kleidung, auch hier verschieden. Ein Faible für Kronleuchter macht einen noch lange nicht zum Spießer.

Neospießer besuchen Benimm-Kurse, Weindegustationen u.ä.

Eine schöne Sache ist es doch, wenn sich auch junge Leute für gutes Benehmen und die richtigen Tischmanieren (lest auch hier auf meinem Blog alles über Knigge und Benehmen) interessieren. Was macht den perfekten Gast aus, wünscht man Gesundheit, wann sind nackte Beine erlaubt, was trägt man zur Taufewie benimmt man sich richtig bei Tisch? Diese und noch viel mehr Themen sind hier alle schon behandelt worden, und es erschiene mir etwas dreist, jeden, der sich dafür interessiert, als spießig bzw. neospießig zu bezeichnen.

Neospießerinnen tragen Perlen.

Würde man diese These so stehen lassen, wären meine Freundinnen und alle meine weiblichen Familienmitglieder Neospießer der besonderen Sorte. Schade, dass dieses „Merkmal“ in den Artikel des Spiegels aufgenommen worden ist.

Neospießer spielen Golf.

Das Golfspiel ist schon lange kein elitärer Sport mehr, das zeigen auch die Preise für Ausrüstung und Green Fees auf den Golfpfätzen. Auf den Parkplätzen der Clubhäuser parken zwar immer noch eher bessere Autos, aber viele Betreiber haben sich schon längst auf weniger betuchte Klientel eingestellt. In der Schweiz betreibt zum Beispiel die Migros eine Reihe eigener Plätze. Natürlich gibt es nach wie vor Plätze, deren Zutritt „normalen“ Golffreunden mittels exorbitant hoher Zwangsmitgliedschaft geregelt wird.

Was ist für euch ein Spießer? Fällt euch eine treffendere Bezeichnung für die gar nicht rebellischen Studenten ein? Und wie denkt ihr über den Artikel im „Spiegel“? 

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10 Kommentare

Cornelia 18. April 2015 - 13:11

Liebe Countess Claire,

schön, dass Sie das Thema aufgreifen und aus Ihrer fachlichen Sicht zusammen gefasst haben.
Ich möchte dazu gerne, wie folgt, kommentieren:
Seien wir doch ehrlich – die Jugend kann es doch seit der Antike nicht recht machen! Lehnt sie sich mit Blumen im Haar und bunten Gewändern gegen sinnlosen Kriegswahn auf, stempelt man sie als drogenabhängige Faulenzergesellschaft ab. Färbt sie sich die Haare grün, steckt sich Nadeln durch die Ohren und protestiert gegen das 80er Jahre Credo der „Gewinnmaximierung“ und der neuen Glaubensrichtung der „New Economy“, oder als „Müslis“ gegen die Umweltzerstörung, wird sie als zerstörerische „No future“-Generation durch die Presse gezogen. (So falsch war der Protest nicht, schaut man sich die Umwelt-, Banken- und Währungskrisen von heute an). Stellt sich die junge Generation klug auf den durch die Multimedia-Flut veränderten Zeitgeist ein und beschäftigt sich intensiv mit den Möglichkeiten von Internet und Co. wird sie als weltentrückt und Handy-abhängig wieder schlecht gemacht. Dabei entstehen grade durch die Kreativität junger Menschen heute ganz neue Berufe und Möglichkeiten von Bildung und Karriere im Internet.
Und gibt es jetzt eine Bewegung hin zu Tradition, Stil und Etikette werden sie als „Neo-Spießer“ wieder in negatives Licht getaucht.
Für mich ist die jugendliche Generation immer ein wertvoller Seismograph für die vorherrschende Situation und ein wichtiges Spiegelbild der Chancen und Risiken des jeweiligen Zeitgeists in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

Kluge Journalisten sollten sich diese Zeichen zunutze machen und daraus aktuelle Situationen und beginnende Entwicklungen ablesen, anstatt negativ besetzte Schuladen-Etiketten aufzukleben.
Dann hätten mehr junge Menschen auch Lust, Zeitung zu lesen!

Herzlich Ihre
Cornelia

Reply
Countess Claire 20. April 2015 - 19:50

Liebe Cornelia,
Vielen Dank für Ihre Worte, ich sehe, wir verstehen uns.
Liebe Grüße,
Claire

Reply
Dr. Sanne Haselbeck 18. April 2015 - 18:30

Liebe Claire,

persönlich finde ich, dass es die so genannten „Neo-Spießer“ (ich liebe den deutschen Journalismus mit seinen einfallslosen Neologismen…) immer schon gegeben hat – als ich 1995 an der Uni Salzburg immatrikulierte, waren sie am Juridicum und an der Romanistik genauso anzutreffen wie in Studentenverbindungen, aber auch in nicht-studentischen Kreisen (Hoteliers mit Realschulabschluss, Großbauern etc.) im Chiemgau. Und zwar unabhängig von der ursprünglichen Herkunft. Grundsätzlich ist zu sagen, dass sich der Mensch gerne an Höherem orientiert, weshalb sich auch die britische obere Mittelschicht z.B. im Lebensstil kaum von der britischen Aristokratie unterschiedet. Ein 2010er-Phänomen draus schreiben zu wollen, ist doch stark übertrieben.

Viele liebe Grüße,
Sanne.

P.S.: Danke für die schönen Blog-Posts – bin nicht so der Instagramm-Fan und kann die Tiffany-Herzerl und Neverfulls nimmer sehen…

Reply
Countess Claire 20. April 2015 - 19:40

Liebe Sanne,
Ich bin mit allem völlig deiner Meinung. Es ist kein neues Phänomen, dass sich die Menschen gern an Höherem orientieren. Beim Soziologie-Studium konnte ich allerdings wirklich keinen einzigen „Neo-Spießer“ ausmachen, wenn ich einmal von mir absehe ;-), und das erinnert mich gerade eben wieder an mein Vorhaben, über den Style der Studenten verschiedener Studientrichtungen zu schreiben…
Liebe Grüße,
Claire

Reply
Ina 19. April 2015 - 17:05

Liebe Claire,
ich (18), muss sagen, dass ich Ihre Meinung teile.
Meiner Meinung nach hat es nichts mit Spießigkeit zu tun, wenn man in der Lage ist sich angemessen benehmen zu können oder den Wunsch hat dies zu erlernen. Aus diesem Grund lese ich auch seit einiger Zeit voller Begeisterung Ihren Blog.
Außerdem stellt die Presse die ganze Angelegenheit viel zu ungenau dar. Grade bei unserer Generation stellt nämlich vorallem der Drang nach Vielseitigkeit, Weltoffenheit und Individualität ein großes Thema dar.
Warum sollte sich also das Traditionelle nicht mit dem Modernen verbinden lassen?
Meine Freunde und ich gehen zum Beispiel gerne in Theater und Oper, aber auch auf Festivals und Rockkonzerte.
Wir schreiben Gedichte und lesen Klassiker, aber lieben auch Fantasy- und SciFi-Bücher.
Wir verabreden uns zu Dinnerparties mit Dresscode, begleiten einander zu abendlichen Tanzveranstaltungen und gucken danach gemütlich Filme im Heimkino oder gehen zu McDonalds, weil uns das Essen zu teuer war.
Ich bin deshalb der Meinung, dass das eine das andere nicht ausschließen muss, sondern beides durchaus miteinander vereinbar ist.

Herzlichst,
Ihre Ina

Reply
Countess Claire 20. April 2015 - 19:46

Liebe Ina,
Vielen Dank für deinen Kommentar! Ich freue mich sehr, dass auch so junge Menschen wie du meinen Blog lesen und ihn bzw. Benimmregeln etc. gut finden. Und das Duwort ist völlig ok, so machen es die meisten auf meinem Blog :-)
Deine Ansichten gefallen mir sehr und es ist toll, dass du sie mit uns geteilt hast. Danke! Ich hoffe, du findest hier auch in Zukunft für dich Lesenswertes.
Liebe Grüße,
Claire

Reply
misskate235 20. April 2015 - 11:46

Liebe Claire,

Ein sehr interessantes wie heikles Thema hast Du hier vorgestellt. Diese Bewegung ist mir auch schon aufgefallen. Sehr deutlich wird es immer dann, wenn man in der Stadt Schüler kurz vor dem Abitur sieht, in ihren ausgetretenen Schuhen und very-used-look Jeans und neonfarbenen Polyestersweatshirts und ihnen ein halbes Jahr später wieder begegnet in Hemd und Cordhose! Mit den Perlohrringen steckt man sich also gleich die Seriosität und das Verantwortungsbewusstsein eines Studenten an!!
Ich für meinen Teil finde es begrüßenswert, dass sich junge Menschen, egal welcher Schicht angehörend, in der schnell- und kurzlebigen Zeit auf alte Bräuche und Traditionen zurückbesinnen und sich durch ihre klassische Kleidung eine gewisse Beständigkeit schaffen.
Ob sie am Ende diesem neu entdeckten alten Lebensstil treu bleiben oder ob es nur eine Modeerscheinung ist, gilt abzuwarten. Sie aber gleich als „Neospießer“ zu betiteln ist alles andere als zutreffend, demnach wären sämtliche Personen, die sich seit jeher klassisch kleiden, alte Brauchtümer pflegen und unter alten Kronleuchtern wohnen, allesamt Spießer (und das versuche mal dem Adel klar zu machen!!).
Wie Du schon schriebst, die Verfasserin scheint sich mit dem Begriff „Spießertum“ nicht wirklich auseinandergesetzt zu haben.
Spießigkeit hat für mich nichts, aber auch gar nichts mit Jagd, Golf oder Perlenschmuck zu tun.
Das Einzige, was Jagd und Spießigkeit gemeinsam haben endet als Jägerspieß auf dem Grillteller!

Herzlichst,
Katrin.

Reply
Countess Claire 20. April 2015 - 19:55

Liebe Katrin,
Hihihi, jetzt musste ich gerade sehr lachen! Der Jägerspieß ;-)
Ich bin ganz deiner Meinung. Man muss eben für alles irgendeinen Namen finden, und wenn sich junge Leute außer für ihren modernen Lifestyle des 21. Jahrhunderts auch für Traditionen interessieren, ist das natürlich schon mal grundsätzlich schlecht…
LiebeGrüße,
Claire

Reply
Marie 3. September 2015 - 05:14

Liebe Claire,

Ich (21) möchte mich auch gerne mal zu diesem Thema äußern!
Ich stamme selber aus dieser oft bezeichneten „Neospießer“ Gesellschaft. Genau so wie mein Freund, er ist adelig. Wir gehen gerne zusammen auf Jagd, tanzen liebend gerne Knotentanz/ Frieserock (was nur noch viel zu wenig junge Leute heutzutage können), trinken gerne guten Wein, halten und gerne in guter Gesellschaft auf und achten stets auf gutes Benehemen.
Dies alles machen wir aber nicht, weil wir uns als etwas Besseres darstellen möchten. Sondern weil wir so sind. Wir machen all dies weil wir Spaß an der Sache haben.
Auch stiltechnisch fühlen wir uns einfach wohler wenn wir im Alltag Bluse/Hemd eine gute Hose oder einen guten Rock und Bootsschuhe tragen können. Einfach weil es immer gut aussieht und auch bei richtiger Pflege fast ein ganzes Leben lang hält.
Mein Schmuck beinhaltet immer Perlen oder alte Lieblingsstücke meiner Großmutter!
Kurz um: ich bin immer wieder froh, dass es Menschen gibt, die in uns nicht den Teil unserer Generation sehen, die sich gerne aufspielen und/ oder etwas „Besseres“ darstellen möchten.
Danke für deinen Artikel! Ich habe ihn wie jeden deiner Artikel gerne gelesen. Ich wollte mich diesmal nur auch gerne mal zu Wort melden!
Viele liebe Grüße!
Marie

Reply
Countess Claire 4. September 2015 - 08:26

Liebe Marie,
Vielen Dank für deine Worte. Mich freut es wirklich sehr, wenn sich auch vormals stille Leser zu Wort melden und ich sie auf diesem Weg „kennenlernen“ kann!
Liebe Grüße,
Claire

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