Julian Fellowes‘ „Belgravia“

von Countess Claire

In der Rubrik „Claires Bibliothek“ möchte ich euch heute den seit kurzem erhältlichen Roman „Belgravia“ von Julian Fellowes vorstellen. Mit Spannung habe ich dieses Buch erwartet, ist doch Fellowes Drehbuchautor von Downton AbbeyGosford Park, Vanity Fair – Jahrmarkt der Eitelkeit und einigen anderen Filmen, die einen guten Einblick in die britische Upper Class bieten. Von seinen Romanen „Snobs“ und „Eine Klasse für sich“ findet ihr ebenfalls eine Rezension auf meinem Blog.

Doch wenden wir uns nun gleich dem aktuellen Werk „Belgravia“ zu. Die englischsprachige Hardcover-Ausgabe ist 2016 bei The Orion Publishing Group Limited erschienen und umfasst 411 Seiten, relativ übersichtlich aufgeteilt in 11 Kapitel. Mittlerweile ist „Belgravia“ auch schon auf Deutsch erhältlich.

belgravia

Der Inhalt

Am Vorabend der Schlacht von Waterloo am 15. Juni 1815 findet in Brüssel bei der Herzogin von Richmond ein Ball statt, an dem sich das Who is Who der gesamten adeligen Gesellschaft einfindet. So auch der junge, gut aussehende und charmante Edmund, Viscount Bellasis, einziges Kind des Earls und der Countess of Brockenhurst. Der Angehörige der Peerage muss mit seinen Freunden noch in der Nacht des Balls ins Gefecht ziehen. Auf der Gästeliste stehen auch James Trenchard, ein ambitionierter Aufsteiger, der sein Geld mit Handel gemacht hat. Seine weise und diplomatische Frau Anne und die Tochter Sophia, die mit Edmund Bellasis eng verbunden ist, spielen ebenfalls eine Rolle. Edmund fällt, Sophia stirbt bei der Geburt des gemeinsamen Kindes und der kleine Charles wächst, sich seiner Herkunft nicht bewusst, bei der Familie des Reverend Pope auf.

Fünfundzwanzig Jahre später, mittlerweile wieder in England, verliebt sich Charles Pope, Protegé von Trenchard und erfolgreich geworden durch den Bauwollhandel, in eine Adelige. Dies wird nicht von allen Familienangehörigen goutiert. Auch bei den weiteren Verwandten der Brockenhursts, Charles‚ Großeltern väterlicherseits, gibt es massiven Widerstand. Schließlich hat sich John Bellasis, Neffe des Earls of Brockenhurst, in Ermangelung weiterer Kinder schon als der Alleinerbe gesehen.

Und so nimmt das Drama seinen Lauf. Skandale, dunkle Geheimnisse und Intrigen, von denen eine sogar zu einem Mordversuch führt, wechseln sich ab und sorgen für Spannung.

Fazit

Belgravia“ reicht meines Erachtens nicht an Fellowes‘ andere Werke heran, was vielleicht an der etwas unübersichtlichen Personenanzahl liegt. Es empfiehlt sich beinahe, sich eine kleine Liste bzw. einen Stammbaum der Mitglieder der weitverzweigten Familien anzulegen. Auch sind viele Wendepunkte in der Geschichte ein wenig zu vorhersehbar und das Ende ist klischeehaft.

Dennoch ist „Belgravia“ hervorragend geschrieben. Julian Fellowes gilt als großer Meister im Einfangen des Lebensstils der betreffenden Epoche. Wahrlich hervorragend ist seine detailgetreue Darstellung der subtilen Erkennung- und Abgrenzungsmerkmale der englische Klassengesellschaft.

Das Buch könnt ihr nun bei eurer bevorzugten Buchhandlung erwerben oder es direkt bei Amazon bestellen. Allein schon wegen der vielen Redewendungen, die man im Alltag nicht so oft gebraucht, wie zB. „you are in no position to lecture me on any given topic„, empfehle ich euch, das Buch in der Originalsprache zu lesen. Derzeit ist es als Hardcover-Exemplar aber nur auf Deutsch lieferbar.

Habt ihr „Belgravia“ schon gelesen? Wenn ja, wie hat es euch gefallen?

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7 Kommentare

Nanni 23. November 2016 - 23:18

Liebe Claire,

ich könnte dir nicht mehr zustimmen. Leider ist das Werk ziemlich unübersichtlich ob der Anzahl der auftretenden Personen und leider blieb das Buch weit hinter meinen Erwartungen zurück, die ich nach dem Genuss von „Eine Klasse für ich“ hatte. Spaß hat das Lesen dennoch gemacht. Es wirkte ein wenig so, als wolle Fellows hier bereits ein neues Skript für eine Serie präsentieren.

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Countess Claire 24. November 2016 - 08:37

Liebe Nanni,
Du sagst es! Stimmt, es würde passender für eine Serie sein. Ich habe mich auch wahnsinnig auf das Buch gefreut, da ich von seinen anderen Werken stets begeistert war, aber Belgravia hat mich nicht ganz überzeugt. Zum Vergleich habe ich wieder in „Eine Klasse für sich“ reingeblättert, das ich vor einiger Zeit gelesen habe, und die beiden Romane trennen wirklich Welten. Aber ich finde auch, es ist durchaus lesenswert.
Liebe Grüße,
Claire

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Matthias Sachau 24. November 2016 - 09:09

Liebe Claire,
ich sitze gerade an einem Roman, dessen männliche Hauptfigur aus der Londoner Oberschicht stammt. Bei der Recherche dazu bin ich auf deinen Blog gestoßen, der mir in vielerlei Hinsicht sehr geholfen hat. Bei einer Frage bin ich mir allerdings immer noch unsicher: Wie ist eigentlich das Verhältnis zwischen dem alten britischen Geldadel und dem echten Adel? Haben sie in etwa den gleichen Lebensstil, oder existieren sie eher parallel? Wo wären die Berührungspunkte und wo grenzt man sich ab? Ich wäre dir sehr dankbar für eine Einschätzung.
Herzliche Grüße,
Matthias

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Countess Claire 24. November 2016 - 15:58

Lieber Matthias,
Das ist wirklich eine interessante Frage, ich hatte ohnehin schon, einmal darüber zu schreiben. Demnächst auf diesem Blog…
Liebe Grüße,
Claire

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Miss Kate 24. November 2016 - 09:45

Liebe Claire,

vielen Dank für Deine sehr hilfreiche Rezension dieses Buches.
Vor Monaten habe ich schon in England davor gestanden, den Klappentext gelesen und habe es dann skeptisch wieder zurück gestellt. Der Text hatte mir persönlich nicht genug über den Handlungsstrang und die zu erwartende Stimmung preisgegeben, so dass ich entscheiden konnte, ob ich es lesen möchte oder nicht; er war mir zu wage, die Schlacht von Waterloo war mir einfach nicht attraktiv genug…!
Aber nun weiß ich mehr, danke! Ich denke, ich werde es trotzdem lesen, mit empfohlener Stammbaummalerei, und gleichzeitig Deine und Nannis Einschätzungen im Hinterkopf behalten.
Ich mag Julian Fellowes sehr, und es wäre letztlich doch schade, sein neuestes Werk zu übergehen. Und wenn eine Serie daraus würde, die auch nur halb so gut wird wie Downton Abbey, dann können wir uns guter Unterhaltung gewiss sein!

Herzlichst,

Kate.

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Countess Claire 24. November 2016 - 13:17

Liebe Kate,
Bitte lass‘ dich auf gar keinen Fall davon abhalten, Belgravia zu lesen! Julian Fellowes ist einfach immer gut und lesenswert, aber im Vergleich zu den genialen Vorgängerromanen enttäuscht es eben etwas. Zu viel möchte ich dir aber nicht verraten. Nur so viel noch: der Klappentext ist irreführend. Um die Schlachte bei Waterloo und Napoleon geht es gar nicht. Der Ball der Herzogin von Richmond kurz davor bildet nur den Rahmen für die Geschichte. Der Hauptteil des Romans spielt in den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts, als aus dem Baby ein junger Mann geworden ist.
Ich würde mich sehr freuen, wenn du mich wissen lässt, was du von diesem Buch hältst!
Viel Spam beim Lesen!
Liebe Grüße,
Claire

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Miss Kate 17. Januar 2017 - 13:18

Liebe Claire,

inzwischen habe ich die englische Taschenbuchfassung von „Belgravia“ gelesen.
Es war eine gute Geschichte; die Szenerie konnte ich mir sehr gut vorstellen, samt Kostümen und Architektur der frühen viktorianischen Zeit (Umgebungen beschreiben, das kann er ja hervorragend, unser Julian Fellowes!). Die Charaktere waren zum Teil gut ausgeprägt und beschrieben, mehrgesichtig und am Ende doch irgendwie sympathisch (bis auf ein paar Ausnahmen vielleicht). Den empfohlenen Stammbaum brauchte ich zum Glück nicht…!

Die Handlung wurde jedoch für meinen Geschmack ein wenig zu sehr künstlich in die Länge gezogen; Momente, die nur ein paar Minuten gedauert hätten, wurden wieder und wieder hinausgezögert, wie beispielsweise dem neuen Erben der Brockenhursts und dem eigentlichen Helden der Geschichte Charles Pope zu sagen, dass er der Enkelsohn samt Konsequenzen ist. Spannend hätte ich dann gefunden, wenn noch ein wenig über seine neue Rolle als Erbe erzählt worden wäre, und zwar nicht als freundliche, abschließende Zusammenfassung, sondern eben als Handlungsweiterführung.
Hier kommt aber das offene Ende im Buch zu Wort. Es bleibt, auch seitens Fellowes’, ungeklärt, ob die Leser sich auf weitere Kapitel freuen dürfen, das Ende ist frei nach dem Motto „Alles kann, aber nichts muss“. Es bleibt dem Leser im letzteren Fall immer noch seine Fantasie, wie sich der zukünftige Earl of Brockenhurst in sein neues Leben einfügt, oder eben auch nicht.

Viele Dialoge und Situationen wurden aufgebauscht, aber in meinen Augen entweder ernüchternd abgesägt oder nicht richtig zu Ende geführt, was vielleicht tatsächlich Anzeichen für eine Fortsetzung sein könnten. Wenn dem wirklich so ist, dann hat Fellowes die Chance, diese Geschichte noch abzurunden und ein Meisterwerk zu schaffen. (Wozu sonst der Aufwand mit der Belgravia- Internetseite, abgesehen von der vorausgegangenen Onlinefassung des uns vorliegenden Buches!?)

Wenn keine Fortsetzung geplant sein sollte, dann muss ich leider sagen, dass es nett war, aber keine literarische Offenbarung. Wir dürfen also weiterhin gespannt sein!

Herzlichst,

Kate.

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