Salzburg und die Tradition: Ein Interview mit Melanie

von Countess Claire

Mit großem Interesse durfte ich Melanie zum Thema «Salzburg und die Tradition» interviewen. Einigen von euch wird sie vielleicht schon als kompetente Kommentatorin meiner Artikel bekannt sein. Außerdem ist sie auch auf Instagram unter m3lavie aktiv. Die gebürtige Salzburgerin lebt mit ihrem Ehemann und drei Kindern nahe Salzburg. Sie lehrt und forscht im Bereich der Geistes- und Gesundheitswissenschaften.

Liebe Melanie, vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast und mir für ein Interview zur Verfügung stehst!

Wie wohl keine andere Stadt in Österreich verkörpert die Mozartstadt so sehr Tradition und Stil. Aber was ist es eigentlich, das Salzburg anders macht? 

Ich würde sagen, Salzburg hält sich, was Tradition angeht, sicherlich mit Wien die Waage. Es hat, so denke ich, allerdings die Besonderheit seiner Größe. Während sich in Wien seit Jahrhunderten eine «urbane Kultur» leisten kann, ist in Salzburg auch der ländliche Einfluss deutlich spürbar. Dazu kommt noch Salzburgs etwas eigene Geschichte. Ich schätze, diese Mischung macht´s.

Salzburg und die Tradition: Unvergleichliche Kulisse mit der Festung Hohensalzburg im Hintergrund

Salzburg und die Tradition

In Salzburg wird, mehr als in den meisten Regionen Österreichs, das Brauchtum sehr gepflegt. Wie erklärst du dir das? Gemäß einem schönen Zitat, das fälschlicherweise Gustav Mahler zugeschrieben wird, ist «Tradition die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche». Wie schafft die Stadt denn den schwierigen Spagat zwischen unserer modernen Zeit und Lebensweise auf der einen Seite und althergebrachten Traditionen auf der anderen? Kann man sagen, dass in Salzburg das Feuer weitergegeben wird oder verharrt die Stadt bzw. das Bundesland eher in Stillstand?

Um das, was man in Salzburg heute sieht, fassen zu können, muss man etwas weiter ausholen.

Da wäre einmal die Tatsache, dass Salzburg bis vor 200 Jahren ein quasi eigenständiger Staat war. Religiös zwar klar der verlängerte Arm Roms und politisch deutlich beeinflusst vom habsburgischen Wien, aber immerhin. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich hier ein gewisses kulturelles Konglomerat ergeben, ein tiefverankerter, barocker Brauchtumsüberfluss. Vieles, was im «aufgeklärten» römisch-deutschen Kaiserreich, also dem habsburgischen Österreich, schon längst als alter Hut galt, war im «Inselstaat» Salzburg nicht wirklich wirksam auszutilgen.

Der letzte Erzbischof

Der arme und seines Zeichens letzte «echte» Fürsterzbischof Hieronymus Colloredo, von Mozart despektierlich in einem Brief als «Mufti HC» bezeichnet, hat sein Möglichstes getan, vielfach gegen heftigen Widerstand der Bevölkerung und sogar des niederen Klerus. Und so wurde das Salzburger Brauchtums-Sammelsurium nach Napoleon und dem Wiener Kongress ins römisch-deutsche Kaiserreich mitgenommen. Dort versank der neue Reichsteil erst einmal für ein paar Jahrzehnte in der Bedeutungslosigkeit.

Der Alpinismus und die aufkeimende Sommerfrische etablierten sich dann erst gegen Ende des 19. Jhdts. zu einem wirtschaftlich anerkennenswerten Sektor. 

Salzburg und die Tradition
Salzburgs letzter Fürsterzbischof Hieronymus Graf Colloredo von Waldsee und Mels, Ölbild von Johann M. Greiter

Nach dem ersten Weltkrieg wurden in Salzburg als «künstlerisches Rettungsprogramm» die Salzburger Festspiele gegründet. Das Rahmenprogramm übernahm, wie es dem damaligen Zeitgeist entsprach, einiges, das Salzburg an Brauchtum zu bieten hatte.

Im Glanz der «Goldenen Zwanziger», der einmal im Jahr an der bitterarmen Bevölkerung wie eine Utopie vorbeizog, wurde die Tracht wiederbelebt. Man wiederentdeckte Leinen als «ursprüngliches Material», alte Tänze wurden abgestaubt und öffentlich aufgeführt.

Während man nach 1938 die Festspiele einstellte und ihre Gründer emigrierten, wurde das «Ursprüngliche» vom Nationalsozialismus ideologisch abgeholt. 

Salzburg und die Tradition: Kultur und Brauchtum

Nach dem zweiten Weltkrieg hat sich mit neben der Wiederaufnahme der Festspiele mit dem Salzburger Adventsingen eine Institution herausgebildet, die das gesammelte Brauchtum bühnenreif machte. Und das auf eine Weise, in der sich das Nachkriegspublikum wiederfand. Die Musik, die Erzählungen und die Mundart waren ja etwas zutiefst Vertrautes, auch aus einer Zeit vor den Kriegen. Die vielpropagierte Armut der Heiligen Familie passte zudem gut zu den Erfahrungen, die die Bevölkerung während der Zwischenkriegszeit, der letzten Kriegs- und der ersten Nachkriegsjahre gemacht hatte. Der Advent als «dunkle Zeit», das Warten auf das Licht, holte da offenbar Bedürfnisse und Erinnerungen ab. 

Ab den 1950ern etablierte sich diese «Weihnachtskultur» zusammen mit den Sissi-Filmen und dem «Weißen Rössl» sehr breit – in der Bevölkerung und weit darüber hinaus. Man bediente das Harmoniebedürfnis der Bevölkerung und kurbelte gleichzeitig den Tourismus über zwei Saisonen an.

Zusammen mit Schifahren, Mozart und «Stille Nacht» hat sich da für das ganze Bundesland einiges an Wirtschaftlichkeit ergeben. Die Oster- und Pfingstfestspielen im Frühjahr sowie Rupertikirtag und in den letzten beiden Jahrzehnten der Bauernherbst im September verlängern die «Saisonen» noch. Sound of Music tut sein Übriges. Das alles geschieht aber nicht immer aber in Verbindung mit der wünschenswerten Reflektiertheit. 

Salzburg als lebende Kulisse, aber nicht als potemkinsche Stadt

Mittlerweile wird über Inszenierungen, Schriftsteller, Mundartdichter, Volksmusikkomponisten, das Festspiellogo, Maria Trapp und co. breit und unter Einbeziehung von unabhängigen Historikern diskutiert.

Dass es auch schon zu Aberkennungen von Ehrentiteln kam, ist für mich ein Indiz dafür, dass mittlerweile auch bei den Verantwortlichen angekommen ist, dass ein Feuer besser brennt, wenn weniger Asche im Ofen liegt.

Was man, glaube ich, im Auge behalten sollte, ist, dass Salzburg eine Stadt ist, in der man lebt, vielleicht zum Teil eine lebendige Kulisse, aber keine potemkinsche Stadt.

Und die Salzburger, die Märkte, die Läden sind wichtiger Bestandteil. Ich habe den Eindruck, dass das nicht immer allen Verantwortlichen klar ist. Es ist eine Herausforderung, der man sich unter Abwägung unterschiedlichster Gesichtspunkte stellen muss. Auch wir als Salzburger können uns dem nicht entziehen.

Nicht zuletzt geschieht das durch die persönliche Entscheidung, was man wo kauft, wie und an wen man sein Geschäftslokal oder seine Wohnung vermietet oder verkauft bzw. wen man als seine Zielkundschaft definiert.

Wir sind vom Tourismus wirtschaftlich abhängig. Die Frage ist: von welcher Form des Tourismus wollen wir abhängig sein? Und um welchen Preis? 

Salzburg und die TRadition
Menschenleere Getreidegasse, alte und auf alt gemachte (Zunft)-Schilder

Salzburg und die Tradition: Die Kleidung der Salzburger

Salzburg gilt (neben Bad Aussee) als Trachtenhauptstadt Österreichs. Man sieht in der ganzen Stadt Dirndl und Lederhosen, die auch von den Jungen wie selbstverständlich getragen werden. Kombiniert mit Sneakers, Loafern, Ballerinas und Poloshirts ist das das gängige Erscheinungsbild des Salzburgers in der warmen Jahreszeit. Aber auch in den Herbst- und Wintermonaten sieht man in Salzburgs Straßen viel Tracht. Ich selbst nenne diese spezielle Melange ja «Preppy meets Tracht». Schnürlsamthosen oder schmale Jods zu Jankern, Reiterstiefeln und Blusen mit Hirschmotiv. Ist diese konservative Kleidung der Salzburger typisch für die «bessere Gesellschaft» oder ist sie ein schichtunabhängiges Merkmal?

Das Dirndl so, wie wir es heute kennen, hat sich wie gesagt erst in den 20-er Jahren des 20. Jahrhunderts herausgebildet und wurde durch das nach dem zweiten Weltkrieg gegründete Heimatwerk entsprechend kuratiert. Das war ursprünglich im Grunde ein Luxusartikel, den man sich als Marlene Dietrich leistete und der nach dem zweiten Weltkrieg zum Pflichtoutfit der Sommerfrischler aus dem Ausland wurde. Die deutschsprachigen Filme der 50-er Jahre liefern da entsprechende Zeitdokumente.

Heute findet man die Tracht in Salzburg in allen Gesellschaftsschichten. Allerdings kann man innerhalb der Tracht unterschiedliche Stilrichtungen unterscheiden, die sich dann teilweise unterschiedlichen sozialen Gruppen zuordnen lassen.

Faschingsdirndl versus echte Tracht

Zusammengeklebte Billig-Importe im «alpenländischen Stil» oder das, was wir hier «Wies´n-Dirndl» oder «Faschingsdirndl» nennen, sieht man natürlich auch, manchmal als pubertäre Provokation, manchmal aus Unwissenheit, manchmal aus Überzeugung.

Im ländlichen Umfeld trägt, wer auf sich hält, die lokale (Festtags-) Tracht oder ein klassisches «Waschdirndl» in traditioneller Machart und Farbgebung. Oftmals ist es selbst oder von jemandem aus dem näheren Kreis genäht.

In der Stadt gilt dasselbe, die Festtagstracht spielt hier aber eine deutlich geringere Rolle – allerdings trifft man in der Stadt an Werktagen deutlich mehr Menschen in Tracht als draußen auf dem Land.

Echte Trachten bzw. eng an den Originalen orientierte Kleider stehen ja grundsätzlich jedem und können fast rund um den Globus miteinander kombiniert werden, egal ob Dirndl, Lederhose, Highland-Tartan, Shouka oder Kamik.

Um eine Tracht allerdings mit der wünschenswerten Selbstverständlichkeit auch im Alltag zu tragen, braucht es in Wirklichkeit etwas Übung, um nicht verkleidet zu wirken – Unsicherheit hält da möglicherweise Menschen davon ab, sich klassisch zu kleiden, obwohl sie es gerne täten.

Zudem kostet eine wirklich schöne, stilvolle Tracht ihr Geld – das macht wohl  zusätzlich einen Teil der gesellschaftlichen Zuordnung aus. 

Nachhaltigkeit

Bedenkt man allerdings, dass meine Mutter ihr selbstgenähtes Dirndl aus den 70-ern immer noch trägt, mein Lodenfleck älter ist als ich selbst und manche Lederhosen, Dirndl und Janker schon seit fast fünfzig Jahren in unserer Großfamilie im Dauereinsatz sind, dann relativiert das natürlich manches.

In einem Umfeld, wo es wichtig ist, zu zeigen, dass man modisch vorne dabei ist oder signalisieren möchte, dass man gedanklich nicht «von gestern» ist, spielt diese Form der Nachhaltigkeit vielleicht eine eher geringe Rolle – dass die Tracht nach wie vor von wenigen, aber immerhin Teilen der Gesellschaft, ideologisiert wird, zahlt da leider auf diese Interpretation ein.

Da man in Salzburg die geerbte Krachlederne und das Hitzg´wandl auch in Kombination mit Geek-Shirts, Dreadlocks und bloßen Füßen sieht, kann man davon ausgehen, dass zumindest in Salzburg hier klare Zuordnungen nicht so ohne Weiteres möglich sind.

Das «besser» liegt dann im Auge des Betrachters. Und das macht die Tracht für mich hier so lebendig.

Salzburger Überheblichkeit

Wo wir gerade bei der sogenannten «besseren Gesellschaft» sind, möchte ich auch das Thema «Salzburger Überheblichkeit» ansprechen. Wenn man in der Festspielstadt wohnt, mag einem das vielleicht nicht so auffallen. Nach so vielen Jahren am Zürichsee bin ich allerdings immer wieder erstaunt darüber, wenn ich sehe, wie der Durchschnitttourist in Funktionskleidung bedient wird. Viele Nicht-Salzburger berichten mir von einer ganz speziellen Mischung aus Herablassung und übertriebener Freundlichkeit. Was ist dran? Muss man in Salzburg wirklich «dazugehören», um akzeptiert zu werden?

Schon unter den Legenden vom «Salzburger Stierwaschen» finden sich Hinweise darauf, dass man den Salzburgern für ihren Hochmut gerne mal eine Abreibung vergönnte.

Aber ja, ich würde sagen, ein bisschen interessant sind wir schon. Als ich mich als Kind vom Lande, beseelt von dem Wunsch, mich in Tracht firmen zu lassen, eines Tages nach der Schule in die einschlägigen Geschäfte zum Sondieren aufmachte, zog ich mir innerhalb von anderthalb Stunden drei «Pretty-Woman-Abfuhren» zu. Mittlerweile kann ich darüber lachen. Für die einschlägigen Lokalitäten habe ich mir im Sinne des «Dazugehörens» diesen besonderen Ton auf Rat meiner Mutter unverzüglich und erfolgreich angeeignet – das ebnet tatsächlich Wege.

Salzburg und die TRadition
In Salzburg muss man „dazugehören“. Der richtige Ton ebnet tatsächlich Wege, vielleicht wird dann sogar der rote Teppich ausgerollt. Blick vom Großen Festspielhaus Richtung Kollegienkirche

Woher kommt die Salzburger Überheblichkeit?

Nun ja, ausgehend von den Erzählungen unserer Großeltern würde ich folgendes annehmen: nach Wiederaufnahme der Festspiele kam die «teure» Kundschaft zurück. Man hatte Bedenken, dass sich manche Prominente und auch Alteingesessene am «billigen», lokalen Publikum stören könnten, was sie ja mitunter auch naserümpfend taten.

Und ein bisschen feiner als die «Kleinhäusler» von Land, die Kriegsflüchtlinge und die amerikanischen GIs war man in der Stadt schon auch. Dazu gesellte sich die Erkenntnis, dass auch der beste Name nicht notwendigerweise Zahlkraft oder Anstand bedeutete: Geschäftsleute und Gastronomen wurden zu Zeugen prekärer Finanzlagen, Hoteliers zu Hütern pikanter Geheimnisse.

Die Wissenden waren jetzt jedoch nicht mehr die dienstbaren Geister oder kleinen, devoten Handwerker von vor dem Krieg, sondern aufstrebende, selbstbewusste Gewerbetreibende, von denen man dennoch erwartete, dass sie die Tür aufhielten und knicksten.

Sein und Schein im Glanz und Schatten der «Weltbühne», die allerdings nicht in einer anonymen Großstadt stand, sondern in einem Dorf namens Salzburg. Das kriegt dann mitunter eine gewisse Dynamik.

Kombiniert mit dem Einsetzen der ersten Massentourismus-Welle in den Siebzigern, wo jedes Salzburger Nockerl von Hinz und Kunz auf die minutiöse Übereinstimmung mit der Beschreibung im Reiseführer hin untersucht und diskutiert wurde und tatsächlich immer noch wird, hat sich da möglicherweise die oben angedeutete «Verhaltensspezialität» etabliert. Aus meiner Sicht wäre allerdings die Zeit gekommen, diese zumindest in einem zeitgemäßen Maß zu kultivieren.

Salzburg und die Tradition: Schattenseiten des Tourismus

Nicht zuletzt durch die Festspiele und Mozart ist Salzburg weltberühmt. Wie erfolgreich ist das Marketing der Stadt? Ist der Tourismus ein zweischneidiges Schwert, einerseits die finanzielle Abhängigkeit von zahlenden Gästen, andererseits Over-Tourism, der nicht nur in Salzburg, sondern auch im Salzkammergut ein verheerendes Ausmaß angenommen hat? Während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 konnte man die ganze stille Schönheit unserer prachtvollen Barockstadt bewundern – ohne einen einzigen Touristen. Wie geht es den Salzburgern damit?

Das Salzburg-Marketing tut das, wofür es bezahlt wird: es spielt alle Stückerl, wie man in Österreich sagt. Da wird man, je nach Jahreszeit, schon an der Landesgrenze begrüßt mit «Willkommen im Festspiel- oder Stille-Nacht- oder Bauernherbst-Land Salzburg». 

Gleichzeitig wirbt man im Ausland mit einem märchenhaften Stadtbild, das man in Wirklichkeit vor lauter Menschen nicht mehr sieht und aus dem die traditionellen Läden und Geschäfte nach und nach verschwinden – wer Salzburg nur so kennt, wird auch das schön finden.

Blick vom Mirabellgarten in Richtung Festung Hohensalzburg

Besonderheiten im Jahr 2020

Das heurige Jahr, bei allen Schwierigkeiten, die es uns, die wir ehrlicherweise vom Tourismus leben, macht, ist da schon etwas Besonderes. Unsere Kinder konnten im Frühsommer zum ersten Mal in ihrem Leben mit ihren Freunden im Irrgarten Verstecken spielen. Die haben sich tagelang die Stadt zu Fuß erobert, sich im Rosengarten brav distanziert auf den Bänken sitzend unterhalten wie seinerzeit ihre Urgroßmütter. Sie hatten den Spielraum, durch den Sebastians- und den Peters-Friedhof zu streifen, die alten Namen auf den Grabsteinen zu lesen und am  Almkanal-Gerinne auf dem Universitätsplatz einfach so aus der hohlen Hand zu trinken. Seit heuer verstehen sie, was Salzburg für die, die hier leben, sein kann.

Gleichzeitig machen wir uns natürlich mit vielen anderen die größten Sorgen um die Traditionsläden, in denen wir seit unserer Kindheit Schokolade, Regenschirme, Taschen, Bademoden, Kurzwaren und vieles andere mehr kaufen, herstellen oder reparieren lassen. Ich hoffe, dass wir auch mit dem Einkaufen in der Innenstadt nicht allein sind.

Sonst stehen wir in ein paar Jahren mit lauter Allerweltsläden da, Salzburg ist nicht mehr als eine Pappkulisse und wir machen in unserer Tracht wie in den Anfängen des Tourismus wieder die Statisten. 

Salzburg und die Tradition: Familie

Als Abschluss kannst du uns vielleicht noch ein bisschen über Familientraditionen und speziell über das Thema Zugehörigkeit versus Überholtheit erzählen?

Familientraditionen bestehen zu einem guten Teil aus Verhaltens- und Handlungsmustern, die man aus der eigenen Sozialisation mitgebracht und erweitert hat. Sie bilden, stark vereinfacht gesagt, ein Grundgerüst an Routinen im Hinblick auf Werte und Haltungen und damit verbundene Handlungen, viele davon eingebunden in den Jahreszyklus.

Wie jede Tradition sind sie im Grunde eine dynamische Sache, es mischen sich ja die Gepflogenheiten von mindestens zwei Mikrokosmen. Werte, Haltungen oder Gebräuche in zeitgemäßer, reflektierter Form zu übernehmen ist im besten Fall jene Brücke, die einem die Anbindung an die Familie und die eigenen Ressourcen als Stütze in schwierigen Zeiten erleichtert und so Resilienz schaffen kann.

Schwierig wird´s aus meiner Sicht, wenn Familientraditionen sich über die Zeit ausschließlich auf sinn- und wertefreie Handlungen reduziert haben, dann sind sie verknöcherte Handlungs- und Verhaltensmuster, die bestenfalls zur Abgrenzung nach außen dienen. Da finde ich eine offene, humanistische Auseinandersetzung mit Brauchtum, Gebräuchen und Traditionen schön. 

Der Brauchtumskalender in Zeiten von Homeoffice und co.

Im Salzburger Brauchtumskalender finden sich aktuell zwischen Allerheiligen und Dreikönig zeitliche Eckpunkte wie die Adventsonntage, «Lostage» oder die Raunächte. Die sind bei uns, seit ich mich erinnern kann, mit vertrauten, unaufwändigen Ritualen belegt und bieten, mit einem gewissen Augenzwinkern, das, was sowohl Psychologie als auch Handlungswissenschaft in Zeiten von Homeoffice, Homeschooling und Lockdown empfehlen. Nämlich kleinteilige, überschaubare, handhabbare Zeitabschnitte.

Warum also den zeitlichen Ablauf unseres Familienlebens an virtuellen Prüfungs- bzw. Meeting-Terminen, an prozentefressenden Einkaufswochenenden oder an den Update-Zyklen von digitalen Endgeräten orientieren? 

Diese «traditionelle Zeitrechnung» aber mit ideologischen, vorkonziliaren oder esoterischen Weltanschauungen zu verbinden, das hätte für mich beim besten Willen nichts mit Tradition zu tun.

Liebe Melanie, vielen herzlichen Dank für dieses großartige Interview zum Thema „Salzburg und die Tradition“! Ich denke, als „Vollzeitsalzburgerin“ konntest den Lesern meines Blogs die Besonderheiten Salzburgs ausgezeichnet näherbringen.

Mehr zum Thema Salzburg könnt ihr hier am Blog in folgenden Artikeln lesen:

Das Salzkammergut zwischen Tradition und Moderne

Wie lebt man in Salzburg?

Mein Sommer in Salzburg

Sommerfrische einst und jetzt

Was trägt man in Salzburg – Teil 1 und Teil 2

Preppy meets Tracht – Eine österreichische Melange

Frage an Claire: Outfit für die Salzburger Festspiele

Altaussee-Krimi und Salzburg-Krimi

Weiters gibt es noch viele Outfitpostings, bei denen die Fotos in und um Salzburg bzw. dem Salzkammergut entstanden sind, wie zum Beispiel Mit Ohrangerie und Leinenrock am Mattsee, Mein Toile de Jouy Rock in Hellbrunn, Herbst auf Schloss Hellbrunn, Mit Floremi in Gmunden am Traunsee, Salzburger Festspiele – Mein Outfit zur Oper und Mein Taufoutfit.

salzburg und die tradition
Salzburg und die Tradition
Die Stille-Nacht-Kapelle (an ihrer Stelle stand früher die St.-Nikolaus-Kirche) im salzburgischen Oberndorf.
Hier wurde am 24.Dezember 1818 das weltberühmte Weihnachtslied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ erstmals aufgeführt. Der Liedtext stammt vom Salzburger Joseph Mohr, die Melodie vom oberösterreichischen Komponisten Franz Xaver Gruber.

Meine lieben Leserinnen und Lesern, mit diesem wunderbaren Artikel möchte ich mich in die Weihnachtsferien verabschieden. Ich freue mich auf das Weihnachtsfest im Kreis meiner Lieben und alle liebgewonnenen Bräuche und Traditionen in diesem Zusammenhang.

Auf diesem Weg wünsche ich euch jetzt schon Frohe Weihnachten und einen Guten Rutsch ins Neue Jahr, in dem wir sicher alle wieder persönlich wachsen und uns neuen Herausforderungen stellen werden!

Für mich beginnt nun meine alljährliche Blog- und heuer auch Instagrampause. Voller Vorfreude denke ich bereits an die vielen neuen Artikel, die ich für das Jahr 2021 geplant habe.

Herzlichen Dank, dass ihr meine Leser seid!

Eure Claire

4 Kommentare

Joh. Gerber 13. Dezember 2020 - 11:12

Was für ein erfrischendes, lehrreiches und unterhaltsames Interview. Großartig!

Antworten
Countess Claire 13. Dezember 2020 - 13:46

Lieber Johann,
Vielen Dank, das freut mich sehr. Die Expertise von Melanie ist wunderbar kompetent!
Liebe Grüße,
Claire

Antworten
Ingrid 13. Dezember 2020 - 12:00

Vielen Dank an Melanie und Dich für den wunderbaren Beitrag. Ich habe selten eine bessere und treffendere
Schilderung über Salzburg und uns Salzburger gelesen!

Antworten
Countess Claire 13. Dezember 2020 - 13:47

Liebe Ingrid,
Herzlichen Dank für deine Zeilen, die mich sehr freuen!
Liebe Grüße,
Claire

Antworten

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