Snobs von Julian Fellowes

von Countess Claire

Vor einiger Zeit habe ich euch „Eine Klasse für sich“ von Julian Fellowes vorgestellt, heute ist sein im Jahr 2004 geschriebener Roman „Snobs“ an der Reihe.

„Wie angelt man sich einen Adeligen?“ Wer schon immer die Antwort darauf wissen wollte, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt, erzählt es doch die Geschichte einer jungen Frau aus der Mittelschicht, die gesellschaftlich aufsteigen will und dazu auch schon den geeigneten Kandidaten gefunden hat: den jungen, geistig zwar etwas minderbemittelten, aber ehrbaren jungen Earl Broughton. Unterstützung dazu erhält sie von ihrer snobistischen Mutter, die ihrem einzigen Kind von klein auf den Weg in die Upper Class, der sie sich insgeheim zurechnet, ist doch ihre Großmutter die Großnichte eines Baronets, ebnen will. „Aus dieser überaus schwachen Verbindung zum untersten Adel bezog sie die beglückende Gewissheit, zum inneren Kreis der Privilegierten zu gehören…“, schreibt Fellowes schon am Anfang des Buches, und man weiß, dass man sich auf ein amüsantes, mit viel Ironie gewürztes Buch einstellen kann.

Countess Claire Snobs 2

Edith Lavery, die hübsche Aufsteigerin, heiratet den Earl, erkennt aber schon bald, dass das das Leben einer Landadeligen kein Barbara Cartland Roman ist und weniger mit Glamourpartys in London als mit Gartenschauen im Sommer und eingefrorenen Wasserleitungen im Winter zu tun hat. Dazu kommt, dass ihr Ehemann sie langweilt und sie schon bald genug von Wohltätigkeitsausschüssen, Jagden und Tweedkostümen hat. Als auf ihrem Anwesen Dreharbeiten für eine pseudohistorische Fernsehserie stattfinden, lernt sie den Star der Serie, einen mittellosen, aber gutaussehenden Schauspieler kennen. Die Geschichte nimmt seinen Lauf, der Skandal lässt nicht lange auf sich warten…

Was nach dünner, klischeehafter Erzählung klingt, ist in Wahrheit eine bittere Satire über das Leben der britischen Oberschicht, Fellowes‘ Charaktere sind wunderbar ausgearbeitet und entpuppen sich als vielschichtig. Spleens und Skurrilitäten der sogenannten besseren Gesellschaft werden wirklichkeitsgetreu nachgezeichnet.

Snobs“ ist aus der Perspektive eines unbenannten Erzählers geschrieben, welcher sehr viel Ähnlichkeit mit dem Autor hat. Julian Fellowes ist selbst das beste Beispiel, dass sozialer Aufstieg gelingen kann. Geboren als Sohn einer angesehenen, aber bürgerlichen Diplomatenfamilie, besucht er angesehenen Privatschulen, macht seinen Master of Arts in Cambridge und wird dann ein mäßig bekannter Schauspieler. Sein Leben verändern soll die Heirat mit der Urgroßnichte eines Earls, Emma Joy Kitchener, Hofdame der Princess Michael of Kent. Als Insider und gewissermaßen angeheiratetes Mitglied des britischen Hochadels schreibt er nun Drehbücher für „Gosford Park“, „Vanity Fair-Jahrmarkt der Eitelkeit“ und „Downton Abbey“. 2011 wird er in den Adelsstand erhoben (Baron Fellowes of West Stafford) und sitzt als Mitglied der Conservative Party im House of Lords.

Die „Snobs„-Neuauflage von 2013 im Goldmann Verlag ist leider nur als Paperback erhältlich und umfasst 352 Seiten. Hier bei Amazon könnt ihr das Buch bestellen.

Was haltet ihr von Büchern, die das englische Klassensystem zum Thema haben? Und von Julian Fellowes?

6 Kommentare

groschenroman 20. Oktober 2013 - 18:08

Was ich von Büchern über das britische Klassensystem halte? Das sind die Bücher überhaupt!!! Herrliche Geschichten aus einer faszinierenden Welt, zu der ich gottlob nicht gehören muss. Ich lese sie immer wieder gern. Insofern, vielen vielen Dank für den Tipp, Claire!

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Countess Claire 21. Oktober 2013 - 11:57

Bitte gern, immer wieder!

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Sanne 21. Oktober 2013 - 05:58

Liebe Claire,
freut mich, dass Dir das Buch gefallen hat. Ich fand den Trick mit dem Erzähler, der die Story zusammenhält, fast gelungener als bei „Einer Klasse für sich“. Köstlich in dieser Art ist das „Tagebuch einer Lady auf dem Lande“ aus den 1930er Jahren, jetzt wieder aufgelegt. Amazon-Link findest Du u.a.
Herzliche Grüße
S
http://www.amazon.de/Tagebuch-einer-Lady-Lande-ebook/dp/B00989X2KE/ref=sr_1_fkmr0_1?ie=UTF8&qid=1382327496&sr=8-1-fkmr0&keywords=tagebuch+einer+britishen+lady

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Countess Claire 21. Oktober 2013 - 11:56

Liebe Sanne,
In der Tat, das mit dem Erzähler war eine sehr gute Idee.
Das „Tagebuch einer Lady auf dem Lande“ habe ich schon vor einiger Zeit gelesen, da es mir aber nicht so gut gefallen hat (kann mich jetzt aber gar nicht mehr genau erinnern, warum), habe ich es nicht vorgestellt. Aber trotzdem danke für den Tipp.
Liebe Grüße,
Claire

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Anna 23. Oktober 2013 - 11:24

Ich frage mich, ob dieses gesellschaftliche Bild wirklich noch so exisitiert. Ich bin auch immer wieder fasziniert von den Rosamunde-Pilcher-Filmen. Dort fahren alle Bentley, tragen Tweet, leben in einem herrschaftlichem Haus und trinken Tee im englischen Garten…

Aber das Buch hört sich trotzdem spannend an! :-)

Herzliche Grüße
Anna

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Countess Claire 23. Oktober 2013 - 15:00

Liebe Anna,
Die Existenz der Klasse der Landadeligen würde ich nicht in Abrede stellen, auch nicht, dass noch immer ein gewisser Lebensstil gepflegt wird, doch bezweifle ich, dass irgendetwas im realen Leben auch nur annähernd so idyllisch ist wie in den Rosamunde-Pilcher-Filmen. Viele Familien brauchen für den Unterhalt des Anwesens zB. die Einnahmequelle eines Jahrmarkts mit Zelten im Schlosspark. Also keine Romantik pur ;-)
Liebe Grüße,
Claire

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