Zu Gast bei Claire: Bernhard Roetzel

von Countess Claire

Bernhard Roetzel, anerkannter Experte für Stil und hochwertige Kleidung ist auch Co-Autor des kürzlich auf meinem Blog vorgestellten Buches „Die Lady. Handbuch der klassischen Damenmode„. Bernhard Roetzel stellt sich für ein Interview zur Verfügung und erklärt unter anderem, was guten Stil ausmacht.

Portrait Bernhard Roetzel

Bernhard Roetzel. Foto: Erill Fritz

Herr Roetzel, mit „Der Gentleman: Handbuch der klassischen Herrenmode“ ist Ihnen ein Meisterwerk, das mittlerweile zum Standard für den stilvollen Herren geworden ist, gelungen. Gemeinsam mit Ihrer Co-Autorin Dr. Claudia Piras haben Sie nun das Pendant für Damen, nämlich „Die Lady: Handbuch der klassischen Damenmode“ verfasst. Was ist Ihnen leichter gefallen und warum?

Ich schreibe lieber über Herrenbekleidung, weil mir die naturgemäß näher liegt. Dennoch habe ich gern an „Die Lady“ gearbeitet. Und da ich das Buch mit einer Co-Autorin verfasst habe, hatte ich ja auch nur halb so viel zu tun.

Warum sehen Sie eine Notwendigkeit, Stilratgeber zu schreiben? Liegt es aus Ihrer Sicht daran, dass immer weniger Menschen gut angezogen sind? Was ist für Sie überhaupt „korrekte Kleidung“?

Mein erstes Buch „Der Gentleman“ sehe ich gar nicht als Ratgeber im üblichen Sinne. Es vielmehr eine Mischung aus Märchenbuch und Modegeschichte. Ich erzähle Geschichte und Geschichten rund um einen Stil, der für die meisten Männer so weit von ihrem Alltag entrückt ist wie die Kleidung des 18. Jahrhunderts.

Wenn ich Männern in Büchern Rat gebe, dann will ich ihnen den Alltag erleichtern. Da es nur noch wenig feste Regeln gibt, sind sie verunsichert, sie wissen aber nicht, wen sie fragen sollen. Verkäufern trauen sie nicht, weil die ihnen was verkaufen wollen. Mir traut man schon eher, da ich allenfalls meine Bücher loswerden will.

Kleidung ist für mich dann korrekt, wenn sie zu Anlass und Person passt. Allerdings ist der Bedarf an in diesem Sinne korrekter Kleidung heute eher gering, da es kaum noch Anlässe gibt und die Person sich bei den meisten durch austauschbare Mode ausdrücken lässt.

Ihr Buch ist eine Hommage an die klassische Lady mit Stil, die sich nicht so sehr an Trends orientiert, sondern vielmehr die Klassiker des British Styles mit französischer Eleganz ergänzt. Viele Frauen mit einer Vorliebe zu sportlicher, einfacher Alltagsmode von Bekleidungsketten aus dem unteren Preissegment können mit denen von Ihnen vorgestellten hochwertigen Stücken wohl weniger anfangen. Kann mit der richtigen Kleidung aus jeder Frau eine Lady werden, oder was macht außer der Kleidung in Ihren Augen noch eine Dame aus?

Kleidung allein macht weder die Dame aus noch den Herrn. Aber Kleidung signalisiert nach außen, was man darstellen oder sogar sein will und hilft dadurch, sich diesem Idealbild anzunähern.

Herr Roetzel, Sie haben ja auch das Buch „British Style: Wohnen-Kultur-Lebensart“ geschrieben. Wie kommt es, dass Sie eine Vorliebe für den britischen Stil sowohl in der Mode als auch für die englische Lebensart bzw. die englische Wohnkultur haben? Ich habe gelesen, dass Sie sich von Prince Charles inspirieren lassen. Warum?

Ich habe als Kind in Südafrika gewohnt, dort war stellenweise die britische Lebensart sehr präsent. Mir hat das schon damals gefallen. Später habe ich mich dann sehr in die Kultur der Briten vertieft. Viele Deutschen haben ja auch schon im 18. Und 19. Jahrhundert eine Affinität für Großbritannien gehabt, die „Vettern“ auf der Insel wurden bewundert, beneidet und oftmals sogar imitiert. Die Gegenliebe war oftmals nicht so groß, doch das ist ein anderes Thema.

Der Kleidungsstil von Prince Charles gefällt mir sehr gut, allerdings mag ich auch die Art, wie Prince Michael of Kent sich kleidet.

Bernhard Roetzel auf einem Foto von Christian Kerber

Bernhard Roetzel mit Schirm und Charme. Foto: Christian Kerber

Sie propagieren sowohl in der „Lady“ als auch im „Gentleman“ hochwertige Kleidung und Schuhe, die man nicht nach einer Saison entsorgt, sondern an denen man viele Jahre seine Freude hat. Aber lohnt es sich wirklich, in gute Basics bzw. Klassiker zu investieren, oder ist dafür zumindest die Damenmode zu schnelllebig?

Es gibt für Frauen und Männer überhaupt keinen Grund, der Mode nachzulaufen. Es ist einer der größten Irrtümer überhaupt, dass man in modischer Kleidung gut gekleidet ist. Wer sich modisch kleidet, muss nicht schlecht gekleidet sein. Sie können auch als Frau in zehn oder zwanzig Jahre alter Kleidung höchst elegant und attraktiv aussehen. Ich selbst mag Anzüge erst dann richtig gern, wenn sie mindestens zehn Jahre alt sind.

Welche Klassiker dürfen denn bei keiner Dame im Kleiderschrank fehlen? Wie viele Schuhe, Handtaschen und anderen Accessoires braucht die Lady?

Es kommt nicht auf die Zahl an. Was eine Frau besitzt, muss ihren Bedarf abdecken und der Bedarf ist höchst unterschiedlich. Es gibt Frauen, die nur ein kleines Schwarzes besitzen und damit über Jahre auskommen. Wozu zwei Handtaschen, wenn ich eine Handtasche besitze, die zu all meinen Schuhen passt? Ich denke, dass eine Dame mit drei bis sechs Paar Schuhen, zwei bis vier Handtaschen, einem Kostüm, vier Kleidern, einigen Blusen, Rücken und Hosen sowie zwei bis drei Mänteln sehr gut auskommt. Lady Diana hatte am Anfang sehr wenig Kleidung und trug oftmals einen Lodenmantel über dem Abendkleid.

Sie haben ja eigentlich Design studiert und waren ursprünglich Werbetexter. Wie kam es dazu, dass Sie die Mode zu Ihrem Beruf gemacht und sich dem klassischen Stil verschrieben haben? Was bedeutet denn Stil für Sie?

Ich habe mich schon immer für die Kleidung des Gentleman interessiert, zum Beruf habe ich das erst gemacht, als ich mein Buch bei einem Verlag unterbringen konnte. Stil bedeutet für mich, seit fast 30 Jahren sehr ähnliche Sachen zu tragen. Natürlich habe ich im Detail wechselnde Vorlieben, im Großen und Ganzen dreht sich bei mir aber alles um die immer gleichen Grundelemente. Die meisten Männer würden mich deshalb langweilig nennen, andere halten das für stilvoll, ich nenne das beständig. Ich höre zum Beispiel auch heute noch praktisch noch die gleiche Musik, die ich auch schon mit dreizehn mochte.

Herr Roetzel, verraten Sie uns, was Sie tragen, wenn Sie mit Freunden auf ein Bier gehen? Sind sie immer perfekt angezogen mit Anzug und rahmengenähten Schuhen, oder gibt es auch Gelegenheiten, wo Sie einfach leger gekleidet sind?

Wenn ich außerhalb etwas trinken gehe, trage ich tatsächlich bei 99 Prozent der Gelegenheiten Anzug, Krawatte und richtige Schuhe. Das liegt daran, dass ich fast nur am Rande von beruflichen Anlässen die Gastronomie aufsuche. Wenn ich privat was trinken möchte, ziehe ich es vor, bei Freunden zu Besuch zu sein oder Freunde zu Hause zu bewirten. Was ich dann trage, ist genauso altmodisch, bequem und dauerhaft wie meine Anzüge. Was das genau heißt, weiß nur der engste Kreis.  Von Bootsschuhen, Gummistiefeln und Escarpins abgesehen sind alle meine Schuhe rahmengenäht oder zwiegenäht.

Herr Roetzel, herzlichen Dank für das Interview!

Wer mehr von Bernhard Roetzel lesen möchte, schaut bei seinem Blog „Der feine Herr“ vorbei.

4 Kommentare

Anna vom Stil-Box-Blog 26. Januar 2013 - 14:44

Liebe Claire,

ein sehr interessanter Post. Die dritte Frage hast Du so schön formuliert und seine Antwort ist auch sehr treffend! Ich freue mich auf die Fortsetzung!

Herzliche Grüße, Anna

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Countess Claire 27. Januar 2013 - 12:46

Liebe Anna,
Ja, das ist eine tolle Antwort! In ein paar Tagen geht’s weiter.
Liebe Grüße,
Claire

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groschenroman 28. Januar 2013 - 10:21

Herr Roetzel ist ein interessanter Typ. Mich würde interessieren, ob auch er manchmal in Jeans und T-Shirt herumläuft oder ob er immer so korrekt gekleidet ist.

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Countess Claire 28. Januar 2013 - 10:54

Vielleicht wird das im 2. Teil des Interviews enthüllt ;-)

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