Zu Gast bei Claire: Jeroen van Rooijen

von Countess Claire

Es freut mich sehr, dass sich der Schweizer Stilkritiker und Autor der beliebten Kolumne „Hat das Stil?“ der Neuen Zürcher Zeitung, Jeroen van Rooijen, für ein Interview zur Verfügung gestellt hat. Lasst euch überraschen, wie er sich Stilunsicherheiten erklärt, was für ihn ein Fashion-Faupax ist, was er vom Style von Königin Máxima sowie Kate Middleton hält und vieles mehr.

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Jeroen van Rooijen, Foto: Christian Beutler

Herr van Rooijen, Sie haben eine Ausbildung zum Modegestalter absolviert, arbeiteten danach bei Schweizer Lokalradios und waren dann als Designer für Jelmoli tätig. Ihre weitere Berufslaufbahn führte Sie später zu diversen Lifestyle-Magazinen und vor zehn Jahren in die Redaktion für Mode- und Stilfragen der NZZ. Wie beschreiben Sie Ihre Tätigkeit?

Ich bin heute etwas zwischen Beichtvater und Ombudsmann des Stils und versuche meinen Lesern mit allen Dingen, für die es kein Gesetzbuch, aber viel Handlungsspielraum gibt, zur Seite zu stehen. Am liebsten sind mir naturgemäß Fragen zu Kleidung und Mode, weil das mein Kernthema ist. Ich masse mir aber auch an, Diskussionen zu zwischenmenschlichem Handeln, Wohnen & Einrichten, Tischkultur oder Gastfreundschaft anzuschieben. Nur in Beziehungsfragen bin ich –seit über 25 Jahren mit derselben wunderbaren Frau liiert – kein guter Ratgeber, weil mir da die Krisenerfahrung etwas abgeht.

Jeden Sonntag beantworten Sie in der Stilbeilage zur NZZ und auch auf Ihrem Blog „Hat das Stil?“ Fragen aller Art. Die Themen drehen sich nicht nur um Mode, Stil und Interieur, sondern auch um grundlegende Anstands- und Benimmregeln, die man schon als Kind gelernt haben sollte bzw. die mit einem gesunden Menschenverstand selbst zu beantworten wären. Woher kommt diese Stilunsicherheit? Was denken Sie darüber?

Ich denke, dass es in der heutigen Gesellschaft, wo alles möglich scheint und der größtmögliche Individualismus regiert (manchmal auch schockierender Egoismus), ein zunehmendes Bedürfnis nach Verbindlichkeit gibt. Je grösser die individuellen Spielräume werden, umso verlorener sind viele Menschen mit der Fülle an Optionen und wenden sich ratsuchend an jemanden, von dem sie glauben, dass er kompetent ist, ihnen zu helfen. Oft werde ich auch in Streitfällen als eine Art „Friedensrichter“ angerufen. Und wieder andere wollen mich vielleicht auf den Arm nehmen. Was ich mache, ist also eine Mischung aus Lebenshilfe, Stildiktat und Entertainment.

Gibt es Tabuthemen oder Fragen, die Sie nicht beantworten, weil schon die Fragestellung absurd oder offensichtlich nicht ernst gemeint ist? Was war die bisher kniffligste Frage und wie haben Sie sie beantwortet?

Ich äußere mich nicht zu Sex- und Beziehungsfragen, bzw. wie man stilvoll eine Liaison beendet, wie man einen Lover geheim hält oder eine Gattin in die Wüste schickt. Dazu bin ich nicht berufen und das soll auch nicht Thema meiner Beratungen sein. Knifflig wird’s auch immer, wenn es sehr individuell ist. Mich erreichen oft lange Briefe von Lesern, die sich sehr detailliert beschreiben und dann fragen, wo sie ein ganz bestimmtes Kleid bekämen. Das ist dann ja eigentlich Shoppingberatung und wird mir fast etwas zu intim und individuell. Und schließlich muss man wahnsinnig aufpassen, dass man ältere Leserinnen nicht mit flapsigen Kommentaren vergrault – diese reagieren sehr sensibel auf körperliche Themen wie Dekolleté, Knie, Oberarme und solches. Da habe ich mich mal sehr unbeliebt gemacht, als ich zum Thema „Ausschnitt und Alter“ in einem Nebensatz von einem möglichen „Gammelfleischskandal“ schrieb. Das war natürlich taktlos und grob.

Wie wird man zum Schweizer Stilberater/Stilpapst? Hatten Sie einfach eine ausgezeichnete Kinderstube oder beeinflusst Sie Ihre Frau Nina, die Modedesignerin?

Das Interesse für Mode und Stil hat bei mir mein Großvater geweckt, der Maßschneider und ein sehr eleganter Herr mit guten Umgangsformen war. Mir ist aber erst später, nachdem er verstorben war, klar geworden, welchen Einfluss er mit seiner ruhigen, präzisen Art auf mich hatte. Als Jugendlicher war ich dann aber ein typischer Querulant und habe viel Mist gebaut und Lehrer geärgert – wenn ich heute daran denke, ist mir das furchtbar peinlich. Eines Tages wird einer kommen und darüber auspacken, dann muss ich selber auf den Beichtstuhl.

Prägt Ihr Beruf als Stilberater auch Ihren Alltag, d.h. laufen Sie durch die Straßen und ärgern sich über Stilbrüche am laufenden Band? Werden Sie vom Freundes- und Bekanntenkreis mit Fragen zu allen möglichen Stilthemen gelöchert?

Ich werde tatsächlich dauernd auf meine mediale Rolle angesprochen und gerade flüchtige Bekanntschaften zucken immer leicht zusammen, wenn sie mich sehen, weil sie glauben, dass ich immer alle gleich taxieren würde. Klar schaue ich mir immer genau an, wie jemand sich zurechtmacht, aber es liegt mir fern, das dauernd zu kommentieren. Ich kann ja selbst auch nicht jeden Tag meinen ganzen Anforderungskatalog an stilvolles Verhalten und Auftreten abarbeiten. Was mich aber schon bedrückt, ist, wie wenig Verständnis für die Macht der Mode und Qualität von Kleidung heute noch vorhanden ist.

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Jeroen van Rooijen auf einer stilvollen Fahrradtour (Saturday Style Ride) in Zürich, Foto: Christian Beutler

Gutes Benehmen liegt hoch im Kurs. Es gibt zahlreiche Kurse und Schulen, wo man das richtige Auftreten lernen soll. Kann man sich auch im Erwachsenenalter noch gutes Benehmen aneignen, oder ist das Sprichwort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ eher zutreffend?

Ich glaube fest daran, dass jeder bis ins hohe Alter lernen kann – und soll. Das ist doch der eigentliche Sinn des Lebens, dass man sich weiterentwickelt und verfeinert?

Herr van Rooijen, Sie sind Schweizer niederländischer Abstammung. Darf ich Sie um einen Vergleich durchschnittlicher Schweizer-durchschnittlicher Niederländer hinsichtlich Stil, Outfit und Benehmen bitten?

Die Schweizer sind ein in sich gekehrtes, stolzes Volk von Berglern, denen man nicht zu nahe treten sollte und die gerne ihre Privatsphäre pflegen. Sie siezen und grüßen sich in der Regel, sie kleiden sich meist eher durchschnittlich und unauffällig, doch haben sie ein im Vergleich zu den umliegenden Ländern noch immer recht hoch entwickeltes Sensorium für Qualität und Nachhaltigkeit. Kik und Takko sind hier noch kein Thema. Die Holländer sind etwas breitspuriger, lauter und fröhlicher, ihre Körper sind wuchtiger und ihr Auftreten gerne etwas greller. In Holland wird Stil und Etikette gerne mit Snobismus und Elitismus in einen Topf geworfen. Da hätte ich vermutlich einen schwereren Stand als im wunderbaren Alpenland.

Im Stilradar der NZZ am Sonntag vom 19.5.2013 schreiben Sie über den „Great Gatsby“. Warum sind wir so begeistert von der glamourösen Zeit der Roaring Twenties? Was wird Ihrer Meinung nach unserem heutigen, eher nüchternen und wenig individuellen Stil mit Jeans und T-Shirts kommen?

Die zwanziger Jahre waren eine Zeit des Aufbruchs in eine Welt, die deutlich besser als die gerade überwundene Zeit des Ersten Weltkriegs sein sollte. Man träumte von Luxus, Reichtum und endlosem Müssiggang – und die, die es sich leisten konnten, lebten diese Träume auch. Die schamlose Partykultur und das praktisch ironiefreie Bekenntnis zum Luxus des Jay Gatsby sind auch für unsere Zeit wieder attraktiv. Für die Modedesigner, die als Transmitter von Lebensgefühlen agieren, ist Gatsby der ideale Gegenpol zum derzeit tonangebenden, eher spröden Streetstyle-Realismus. Was kann nach dem Hipsterstil von heute noch kommen? Mehr Pracht natürlich. Das hoffe ich zumindest…

Am 30. April diesen Jahres wurde die bürgerliche Argentinierin Máxima Zorreguieta niederländische Königin, wenngleich ihr offizieller Titel Königin Máxima, Prinzessin der Niederlande, lautet. Hat ihre Stilsicherheit, die sie schon lang vor ihrer Zeit als Prinzessin als Bankerin hatte, dazu beigetragen, dass das Modebewusstsein der Niederländer gestiegen ist?

Máxima ist ein absoluter Glücksfall für die niederländische Monarchie, sogar ich, der nie ein besonders glühender Fan des Königshauses war, weil es mir etwas staubig und plump schien, bin mittlerweile sehr angetan von dieser meist strahlenden Frau. Sie sah an der Inthronisierung Ihres Mannes im blauen Kleid von Jan Taminiau absolut fantastisch aus. Ich denke, es ist Máximas Verdienst, dass heute mehr Niederländer begeistert hinter der Krone stehen als vor 33 Jahren, als Beatrix das Zepter übernahm. Der König Willem-Alexander für sich alleine ist nämlich nicht gerade eine Lichtgestalt.

Nicht nur stylingmäßig außerordentlich beliebt ist eine weitere ehemals Bürgerliche, Kate Middleton, die jetzige Duchess of Cambridge. Was halten Sie von Ihrem klassischen Stil, der von Kritikern gern als langweilig bezeichnet wird?

Ich finde Kate auch nicht so prickelnd. Angesichts der Möglichkeiten, die ihr nun offen stehen, ist ihre ästhetische Performance nur mittelprächtig.

Wie können Sie sich erklären, dass der Rest Europas hinsichtlich guten Stils gern nach Großbritannien, Italien oder Frankreich blickt? Haben Sie selbst Stilvorbilder aus diesen Ländern?

Die Engländer haben schon eine faszinierende Kulturgeschichte des Stils und des eleganten Individualismus, das inspiriert immer wieder. Eine einzelne Person zu nennen fällt mir jetzt aber schwer. Was Italien und Frankreich betrifft, so möchte ich Ihre Einschätzung etwas hinterfragen, denn: In Italien sind ja nur die älteren Herren wirklich schick, und in Frankreich die jungen Frauen. Die italienischen Frauen sind aber eher furchtbar und klischiert, und die französischen Herren verschwinden ja fast vor lauter Konvention.

Können Sie uns die Ihrer Meinung nach größten Stil-No-Gos/Fashion-Fauxpas beschrieben?

Lieber als nun bestimmte Kleidungsstücke auf den Scheiterhaufen zu werfen würde ich sagen: Schlimm ist eigentlich nur, wenn man das wunderbare, große und vielseitige Arsenal der Mode nicht bewusst nutzt, um sich und seine Lebenswelt zu illustrieren, sondern achtlos irgendwelche Klamotten anzieht. Diese Gedankenlosigkeit und Desinteressiertheit sind schlimmer als zu kurze Röcke oder zu hohe Schuhe – denn dort ist immerhin ein (fehlgeleiteter) Stilwillen erkennbar.

Herr van Rooijen, herzlichen Dank für dieses tolle, aufschlussreiche und auch humorvolle Interview!

7 Kommentare

Sanne 26. Mai 2013 - 18:41

Liebe Claire,
darf ich mich anschließen und ganz besonders Dir für diesen interessanten Beitrag danken.
Herzlich – S

Reply
Anna (Stil-Box) 26. Mai 2013 - 20:06

Und ich schließe mich Sanne an! Vielen Dank, liebe Claire, für dieses spannende Interview!

Herzliche und liebe Grüße
Anna

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Countess Claire 27. Mai 2013 - 11:40

Bitte schön!

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JL 27. Mai 2013 - 11:55

Ja, auch ich kann mich nur anschließen und DANKE sagen : ) Toller Interviewpartner und super Fragen, Glückwunsch !! Zum englischen Kleidungsstil fällt mir spontan ja Oscar Wilde (1854-1900) ein – auch wenn er ja eigentlich Ire war: “Nichts ist so gefährlich wie das Allzumodernsein. Man gerät in Gefahr, plötzlich aus der Mode zu kommen.”
XX LG Julia

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Countess Claire 27. Mai 2013 - 18:33

Gutes Zitat!

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groschenroman 28. Mai 2013 - 18:42

Liebe Claire, Superinterview, sehr unterhaltend. Vor allem, was er über Kate Middleton sagt, gefällt mir. Und sein letztes Zitat, dass es nichts Schlimmeres gibt als auch Desinteressiertheit einfach irgendwelche Klamotten anzuziehen. Dem kann ich mich nur anschließen.

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Countess Claire 29. Mai 2013 - 09:33

Liebe Carola,
Es war wirklich sehr unterhaltsam! Der Style von Kate ist zwar klassisch, was mir grundsätzlich gefällt, aber man sollte meinen, es gäbe nichts anderes als knielange Kleider mit ausgestelltem Rockteil und Pumps im immer gleichen Design, nur unterscheidbar durch die Farbe ;-)
Liebe Grüße,
Claire

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