Zu Gast bei Claire: Marie aus Hamburg

von Countess Claire

Seit mehr als zwei Jahren können wir nun Maries wunderschönen Instagram-Account _a.m.w._ bewundern. Viele stilvolle, elegante Interior-Fotos, die ihre Liebe zum British Style zeigen, sowie stimmungsvolle Landschaftsaufnahmen und vereinzelte Architekturbeschreibungen zieren ihr Profil. Marie hat in ihrer Heimatstadt Hamburg Graphik-Design studiert und arbeitet freiberuflich als Illustratorin und Zeichnerin. Sie ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Ich freue mich sehr, dass sie sich für ein Interview zur Verfügung gestellt hat.

Und nun lassen wir Marie selbst erzählen. Willkommen, Marie!

Marie aus Hamburg

Du lebst in Hamburg in einem wunderschönen Haus aus den Zwanzigerjahren, das Du uns auf Instagram immer wieder zeigst. Es wirkt sehr stilvoll und gediegen, mit Liebe zum Detail und very british. Wie würdest du es selbst beschreiben?

Mein Mann und ich bewohnen eine geräumige Etage in einem Klinkerhaus von 1924, wie es für Hamburg in dieser Zeit typisch war. Es sind noch viele schöne originale Details aus der Erbauungszeit erhalten, wie Eichenparkett, Pitchpine-Dielen, hohe Räume, schöner Stuck, Glasmalereien, Fliesen etc.

Unsere Einrichtung würde ich aber nur zum Teil „very british“ nennen. Ich bezeichne sie eher als eine kontinentale Variante des britischen Stils, die hier im Hamburger Westen weit verbreitet ist und aus einem Gemisch aus den unterschiedlichsten alten und neuen Möbeln besteht. Neben englischen Antiquitäten sieht man in unserer Wohnung ebenso deutsche und dänische Stücke aus dem Biedermeier sowie um 1900 gebaute Möbel. Es muss nicht alles perfekt sein und vieles hat Gebrauchsspuren, denn es ist mir wichtiger, dass es bequem ist und nicht prätentiös wirkt.

Marie aus Hamburg

Unterschiede zum British Interior Style

Anders als in Deutschland ist in britischen Häusern ein Kamin vorhanden, der in der Regel so im Raum angeordnet ist, dass eine symmetrische Ausrichtung der Möbel ermöglicht wird. Ein solcher Fokus fehlt auch in unserer Wohnung, was das Kopieren des klassischen britischen Stils etwas erschwert. Darüber hinaus fehlt bei uns auch die typische englische Mischung von Mustern, es ist alles etwas schlichter. Das liegt auch daran, dass ich klassische schwedische Interieurs ebenso gerne mag wie die britischen. Da bin ich immer etwas hin und her gerissen, und das merkt man unserer Einrichtung auch an. Man findet deshalb bei uns eher Streifen, Karos oder Toile de Jouy als die klassischen englischen Chintzrosen auf Vorhängen und Polstermöbeln. Die gibt es nur auf einigen Kissen.

Klassischer Stil

Auf deinen Fotos sieht man immer wieder Antiquitäten. Wie wichtig ist es dir, traditionell eingerichtet zu sein? Ist die Liebe zum klassischen Stil etwas, das du sozusagen von klein auf verinnerlicht hast, oder hast du deinen persönlichen Stil erst im Lauf der Zeit entwickelt?

Alte Möbel mochte ich eigentlich schon immer. Mein erstes eigenes altes Möbelstück war ein Biedermeierspiegel, den mir mein Großvater schenkte, als ich siebzehn Jahre alt war. Dieser Spiegel gehörte meinen Ururgroßeltern und ist bis heute eines meiner Lieblingsmöbel. Mit der Zeit kam dann ein Stück zum anderen, dazu alte Stiche, Graphiken, Gemälde und hübscher Kleinkram. Mir gefallen zwar auch moderne Designklassiker wie z.B. die Corbusier Liege, aber nicht in meinem eigenen unmittelbaren Umfeld. Alte Möbel und Gegenstände mit den Gebrauchsspuren ihrer Vorbesitzer finde ich einfach behaglich. Mein eigenes Stilempfinden hat sich mit unseren Wohnungen entwickelt wie ein nicht geplantes, durchgestyltes, sondern im Laufe der Jahre gewachsenes und sehr persönliches Interieur.

Die Vorzüge, sich mit Antiquitäten oder Vintage Möbeln einzurichten, habe ich mit der Zeit erfahren und zu schätzen gelernt. Sie sind solide gebaut und haben sich teilweise schon seit Jahrhunderten bewährt und sie sind ziemlich modeunabhängig. Man hat also nicht das Gefühl, ständig etwas Neues kaufen zu müssen. Unsere Möbel stammen aus der Zeit von 1780 – 2018 und trotzdem passt irgendwie alles mehr oder weniger gut zusammen.

Maries Einrichtungsstil

Sehr schön sind zum Beispiel auch deine Bibliothek mit einigen prachtvollen alten Büchern und dein hübsches Porzellan, vorzugsweise in Blau-Weiß. Bei dir ist alles unangestrengt geschmackvoll aufeinander abgestimmt, ohne jedoch „interiordesignt“ zu wirken. Wie machst du das? Wo kaufst du deine Einrichtungsgegenstände ein?

Wie gesagt ist ein kleiner Teil der Möbel ererbt, einige fanden wir bei einem Hauskauf im Keller. Vieles kauften wir im Laufe der Jahre bei Antiquitätenhändlern zusammen. Meinen Sekretär z.B. brachte mir mein Mann vor vielen Jahren aus England mit, da ich damals kein eigenes Arbeitszimmer hatte. Die Bücherregale und Kleiderschränke haben wir nach unseren Angaben von Tischlern anfertigen lassen. Aber auch ein großes schwedisches Möbelhaus wird von uns nicht verschmäht. Ich stöbere immer noch liebend gern in Antiquitätengeschäften und auf Antikmärkten herum, meistens mit dem Vorsatz, nichts zu kaufen. Aber dann folgen mir von dort meistens doch einige schöne Dinge nach Hause. Auch für online-Auktionen bin ich ziemlich anfällig und habe dort manch gutes Stück gefunden. Sehr viele schöne kleine Antiquitäten, die auf meinen Fotos zu sehen sind, hat mir mein Mann zu Geburtstagen und Weihnachten geschenkt.

Ich mache mir eigentlich nicht so viele Gedanken, ob und wie etwas zusammenpasst, sondern stelle die Gegenstände eher intuitiv zusammen. Vielleicht ist das durch meinen Beruf etwas einfacher. Bei uns liegen mittlerweile in allen Räumen Bücherstapel herum. Aber das ist keine Dekoration, sondern wir haben allmählich kaum noch Platz in den Bücherregalen.

Mit dem Porzellan ist es ähnlich. Eigentlich braucht man so viel Porzellan wirklich nicht, aber ich benutze einfach zu gern schönes Geschirr und nicht immer das selbe. Reine und zweckfreie Ziergegenstände mag ich nicht so sehr. Schon der Begriff „Deko-Element“ ist mir ein Graus.

Inspirationen

Ein einladend gedeckter Esstisch, die zelebrierte tea time, in hübschen Vasen arrangierte Blumen, man sieht die Liebe zum Detail. Lässt du dich inspirieren, was deine Einrichtung betrifft? Falls ja, wovon?

Ja, nach Anregungen sehe ich mich schon um. Früher hatte ich die englische Ausgabe von Homes & Gardens abonniert, jetzt kaufe ich nur noch ganz selten Zeitschriften, sondern sehe mich eher bei Instagram oder einschlägigen Blogs um. Ich kaufe aber immer mal wieder Bücher über Interieurs. Sehr gute Anregungen bekommt man in Museen, die Abteilungen für Wohnkultur haben und in Freilichtmuseen, oder ganz einfach in anderen Wohnungen oder Häusern.

Vor einigen Jahren waren wir in Weimar, und ich fand die Wandfarben in Goethes Häusern so schön, dass wir sie in unserem damaligen Haus übernommen haben. Obwohl es ein Haus im Jugendstil war mit ganz anderen Proportionen und Lichtverhältnissen als in den Barockhäusern, passten die Farben perfekt. Auch jetzt bin ich wieder aus einem Urlaub mit neuen Ideen zurückgekommen und warte nur noch auf die geeignete Gelegenheit, diese umsetzen zu können.

Außerdem gehören für mich einfach frische Blumen in die Zimmer. Das müssen nicht unbedingt üppige Sträuße sein, einfache Zweige finde ich ebenso hübsch. Leider haben wir selbst keinen Schnittblumengarten, dafür aber auf unserem Wochenmarkt den besten Gärtner weit und breit. An seinem Stand gerate ich wöchentlich in einen wahren Kaufrausch.

Marie über die Architektur

Der Baustil heutzutage – ich nenne ihn salopp einfach einmal „Flachdach-Wohnwürfel mit viel Glas“ erfreut sich großer Beliebtheit. Auf Instagram zeigst du uns auch manchmal Fotos von wunderschön Bauwerken aus vergangenen Epochen. Wie erklärst du dir den Trend zu gesichtslosen Neubauten und dem Nichtbewahren historischer Bausubstanz.

Baustile kommen und gehen. Zur Zeit werden die 50er und 60er Jahre entdeckt und wiederbelebt, Cocktail-Sessel, Nierentische oder dänische Teakholzmöbel. Sogar einen schönen Namen hat man für diese Zeit gefunden: „Mid-Century“. Parallel dazu gehört die Wiederentdeckung schnörkelloser, vom Bauhaus inspirierter, häufig aber eigenwillig interpretierter Wohnwürfel, die ich persönlich ziemlich langweilig finde. Leider werden diese weißen Würfel mittlerweile bedenkenlos in jede Baulücke gezwängt, egal wie die Umgebung bebaut ist und dann häufig auch noch in qualitativ ausgesprochen minderwertiger Ausführung.

Genauso bedenkenlos werden dafür alte Häuser geopfert. Wir erleben das gerade besonders unangenehm hier in den Hamburger Elbvororten, wo durch reine Profitgier und architektonischem Unverstand das größte zusammenhängende Villengebiet in Europa Gefahr läuft, unwiederbringlich seinen einmaligen Charakter zu verlieren. Ebenso unschön finde ich die Manier, jedes alte Haus erst einmal entkernen zu müssen, um vermeintlich bessere, originellere und individuellere Grundrisse zu schaffen. Von außen werden diese Häuser zwar meistens sachkundig renoviert, aber innen muss es unbedingt wie in einem Neubau aussehen. Dafür fehlt mir ehrlich gesagt das Verständnis. Warum muss man dann einen Altbau kaufen, wenn man sich gar nicht auf seine Besonderheiten einlassen will? Das architektonische Gesamtkonzep eines solchen Hauses geht damit sicher verloren.

Leben in Blankenese

Bei den imposanten Villen und Landhäusern im Villenviertel Blankenese könnte ich ins Schwärmen kommen. Erzähle uns doch ein bisschen, wie man in Hamburg lebt. Könntest du dir vorstellen, anders eingerichtet zu sein und woanders zu leben?

Blankenese ist erst 1937 zu Hamburg gekommen. Jahrhundertelang war es ein kleines, aus wenigen eher bescheidenen Häusern und Katen bestehendes Dorf mit zum Teil armer Bevölkerung von vornehmlich Fischern, Lotsen und Seeleuten. Ende des 18. Jahrhunderts entdeckten dann wohlhabende Hamburger Kaufleute das Hinterland des kleinen Dorfes mit der Aussicht auf den Fluss als idealen Platz für ihre Sommersitze. Zu jener Zeit gehörte Schleswig-Holstein und damit Blankenese noch zu Dänemark und der junge, noch wenig bekannte dänische Architekt Christian Frederik Hansen (1756-1845) bekam von einem der Kaufleute einen ersten Auftrag für ein Landhaus. Diesem Auftrag sollten schnell weitere folgen und so haben wir heute in unserer unmittelbaren Umgebung mehrere dieser wohlproportionierten klassizistischen Bauten inmitten schöner Parkanlagen, die ich gerne immer mal wieder in meinem Account zeige. Hansen baute aber nicht nur imposante Landhäuser, sondern auch kleinere Bürgerhäuser, die an einigen wenigen Stellen heute noch in Hamburg zu finden sind.

Geschichtliches

Den Großkaufleuten folgte um 1900 das wohlhabende Bürgertum und ließ sich komfortable Häuser errichten. Entgegen der weitverbreiteten Meinung stehen in Blankenese aber nicht nur Villen. In der Regel sind die Grundstücke durch die Hanglage bedingt eher klein, und ebenso viele der Häuser sind von bescheidenen Ausmaßen. Die richtig großen Villen mit entsprechenden Grundstücken finden sich im Nachbarstadtteil, in der Villenkolonie Hochkamp.
Bis heute hat sich Blankenese den Charakter einer beschaulichen Kleinstadt bewahrt. Hamburg erscheint weit weg und es lebt sich hier ausgesprochen angenehm.

Ich möchte eigentlich nur hier leben. Ich träume allerdings auch manchmal von einem geräumigen alten Haus mit Streuobstwiese und Gemüsegarten auf dem Lande mit viel Platz für die ganze Familie und vielen Gästen. Aber dort fehlten mir dann doch Blankenese mit seinen Parks, der Elbe und dem Strand. Also bleibt es bei einer Gedankenspielerei.

Grundsätzlich anders einrichten würde ich mich nicht, da ich mich mit unserem Möbelsammelsurium ausgesprochen wohl fühle, und ich das Glück habe, dass mein Mann meine Vorliebe für diese Art des Wohnens teilt. Und wenn es auch durchaus gelungene Neubauten gibt, kommt für mich nur ein Altbau in Frage.

Tipps von Marie

Liebe Marie, dein Stil ist ausgefeilt und wirklich perfekt. Auf Instagram gibt es viele Gleichgesinnte, die deinen Geschmack bewundern und ähnlich wohnen möchten wie du. Hast du Tipps für sie, wie man sein Heim im „Marie-Stil“ gestalten kann?

Ich freue mich ganz ehrlich, dass meine Art zu wohnen gefällt und auch eine jüngere Generation anspricht, denn wir wohnen doch nicht gerade dem Zeitgeist entsprechend. Beim Einrichten muss man sich Zeit lassen und Geduld haben, es sei denn man ist Innenarchitekt. Eine Einrichtung muss langsam wachsen und das eigene Leben und Erinnerungen widerspiegeln. Sonst sieht alles schnell aus wie ein Schauraum im Möbelhaus oder in einem Möbelkatalog. Manchmal dauert es dann eben ein wenig länger, bis das genau passende Möbelstück ins Haus kommt. Unsere Studentenwohnung sah auch noch ganz anders aus als unsere jetzige Wohnung, obwohl zwei unserer antiken Möbelstücke schon damals dabei waren.

Und was ich bereits oben sagte, man muss sich viel ansehen und abschauen. Hübsches Geschirr und Besteck kann man teilweise recht günstig auf Antik – und Trödelmärkten oder bei Haushaltsauflösungen kaufen. Es muss ja gar nicht alles aus einem Guss sein. Auch schöne Textilien müssen nicht teuer sein, manchmal reichen sogar schon ein paar neue Kissen oder ein kleiner Teppich, um ein Zimmer ganz anders wirken zu lassen.

Liebe zum Detail

Wenn man mit alten Möbeln wohnen möchte, sind weiße Wände sehr häufig kein idealer Hintergrund. In vergangenen Epochen war man viel wagemutiger und hatte ausgesprochen kräftige Farben an den Wänden und als Bezugsstoffe. Es kann also heute nicht schaden, wenn man Mut zur Farbe zeigt.

Schön finde ich auch immer Kerzen, vor allem in alten Kerzenhaltern, und natürlich frische Blumen. Für mich gehören in einem ansprechenden Raum auch noch Bücher und viele Bilder, möglichst in Petersburger Hängung. Einen Fernsehapparat finde ich persönlich in meinen Räumen eher als optisch störend. Als allgemeine Empfehlung kann ich nur raten, eine Einrichtung sollte immer zu den Bewohnern und ihrem Lebensstil passen. Das Wichtigste ist, sich in den Zimmern richtig wohl zu fühlen.

Liebe Marie, vielen Dank für dieses interessante Interview! 

Maries Instagram-Account kann ich euch wirklich ans Herz legen. Schaut doch einfach vorbei auf _a.m.w._.  Mein Profil findet ihr unter countess_claire. Interessiert ihr euch für den British Style? Dann lest meinen Artikel British Interior Style – Der britische Wohnstil.

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4 Kommentare

Liane Machtlinger-Schweda 7. Oktober 2018 - 15:04

Liebe Claire, liebe Marie!
Eine sehr einladende, stilvolle und elegante Wohnung mit sehr geschmackvollen Dekorationen…. eine wahre Inspirationsquelle!

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Marie W. 7. Oktober 2018 - 17:59

Liebe Liane,

hab vielen Dank für Deinen lieben Kommentar, über den ich mich sehr freue.
Mit herzlichen Grüßen,
Marie

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Lena 13. November 2018 - 22:06

Liebe Marie, liebe Claire,
ein sehr interessantes und aufschlussreiches Interview. Die Bilder Deiner Einrichtung gefallen mir wirklich ausgesprochen gut!
Vielleicht ist es auch so, dass dieser stilvolle und gemütliche Einrichtungsstil zu einem Sicherheitsgefühl beiträgt und sich deshalb wieder mehr jüngere Menschen für diesen Stil interessieren. (So wie ich, ich bin auch erst 21.)
Viele liebe Grüße an Euch!
Lena

Reply
Marie W. 21. November 2018 - 21:02

Liebe Lena,

vielen Dank für Deinen lieben Kommentar. Ich freue mich sehr, dass Dir das Interview und meine Einrichtung so gut gefallen.
Mit herzlichen Grüßen,
Marie

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